Das neue Zauberwort heißt CRISPR

Martin Eiermann22.01.2016Wissenschaft

Die Genforschung steht vor einem Durchbruch: Die Technik mit dem kryptischen Namen CRISPR erlaubt es, aus dem Erbgut einzelne Gene herauszuschneiden und neue einzufügen. So basteln sie mit „Gene-Editing“ neue Lebensformen. Die Börse ist begeistert, Mediziner fasziniert, Moralisten entsetzt.

Die Welt von morgen wird zuerst in der Fantasie geboren: Schon in den 1940er-Jahren beschrieben Science-Fiction-Autoren wie A. E. van Vogt und Jack Williamson eine Zukunft, in der „genetische Transformation” und Gentechnik zum Alltag geworden waren. Auf wissenschaftliches Fachwissen konnten sie sich nicht verlassen: Die DNA-Doppelhelix wurde erst 1953 postuliert (und brachte ihren beiden Entdeckern den Nobelpreis ein), die ersten erfolgreichen Tierversuche zur Genmanipulation datieren aus den 1970er-Jahren.

Die Zeichen stehen auf Umbruch

Dieser Rückstand zwischen Fantasie und wissenschaftlicher Realität existiert weiterhin – die Genforschung ist bis heute vor allem eine Grundlagenforschung: Meilensteine wie das geklonte Schaf „Dolly” (1997) oder das erste synthetisierte Genom (2010) waren das Ergebnis langwieriger, teurer, und von unzähligen Misserfolgen geprägter Arbeit. Das Ziel solcher Projekte war der Beweis, dass bestimmte Manipulationen möglich sind, nicht deren flächendeckende Umsetzung.
Doch die Zeichen stehen auf Umbruch. In den vergangenen Jahren haben mehrere Teams von Forschern eine neue Methode zur Genmanipulation entwickelt, die unter dem Namen CRISPR für Aufsehen sorgt. Mit ihr lassen sich drei der größten Hürden der Genforschung überwinden: CRISPR ist erstens billig, zweitens extrem verlässlich, und drittens schnell und mit relativ einfachen technologischen Mitteln durchführbar.

Zauberwaffe CRISPR

Die neue Technik bedient sich eines natürlich vorkommenden Phänomens. CRISPR (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) sind sich wiederholende DNA-Sequenzen, die eigentlich der Immunabwehr in Bakterien dienen. Kommt ein Virus in Kontakt mit einem Bakterium, wird das Erbgut des Eindringlings zwischen CRISPR-Sequenzen gebunden und dient bei zukünftigen Attacken als eine Art Fahndungsposter: Das Virus ist bekannt und kann bekämpft werden.

Diesen Effekt haben sich die Forscher zunutze gemacht: Mithilfe von Enzymen lässt sich beliebig Erbgut zwischen CRISPR-Sequenzen einfügen oder aus ihnen herausschneiden. Seit 2012 ist bewiesen, dass sich damit auch menschliches Erbgut zielsicher und kostengünstig manipulieren lässt. In den USA gibt es bereits eine sogenannte Bio-Hacker-Szene, in der sich Hobby-Genetiker nach Feierabend ihren Experimenten hingeben. Die Ambitionen sind enorm: Ein Tüftler schwärmte im Magazin „Nature” davon, mithilfe von CRISPR menschliche Organe synthetisch heranzüchten zu wollen.

Das Potenzial der neuen Methode ist unbestritten: Vor allem für die Therapie genetisch bedingter Krankheiten und für die regenerative Medizin könnte CRISPR zum Meilenstein werden. Aber jede mächtige Erfindung kann genauso wirkungsvoll missbraucht werden. Die Sorgen darüber sind akut genug, dass Jennifer Doudna von der University of California, Berkeley – eine der zentralen Forscherinnen in der Entwicklung der CRISPR-Methode – sich jüngst für ein weltweites Moratorium ausgesprochen hat: Jede Anwendung solle so lange ruhen, bis die medizinischen und moralischen Implikationen diskutiert werden können. Die Chancen dafür stehen schlecht: Für eine freiwillige Selbstverpflichtung sind die medizinischen und finanziellen Anreize zu groß.
Im Laufe weniger Monate ist die Debatte um Genmanipulationen daher von einer abstrakt-ethischen zu einer politischen geworden. Wir diskutieren nicht länger eine hypothetische Zukunftsvision, sondern die konkret im Entstehen begriffene Welt von morgen. Welche Anwendungen sollen gefördert und welche sollen reguliert werden?

Es ist inzwischen unvorstellbar, dass eine Partei ohne netzpolitisches Programm und ohne netzpolitische Sprecher zur Wahl antritt. Ein Wahlkampf ohne genpolitische Programme könnte bald schon genauso anachronistisch wirken.

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