Die Welt ist nicht flach

Martin Eiermann28.07.2015Außenpolitik, Europa, Wirtschaft

Der Flüchtlingsstrom im Mittelmeerraum zeigt die Grenzen der Globalisierung auf. Sie funktioniert nur, weil nicht alle an ihr teilhaben können.

Bevor die Sicherheitsbestimmungen des 21. Jahrhunderts ihr zeitweise den Garaus machten, gab es am Frankfurter Flughafen eine frei zugängliche Besucherterrasse. Man konnte direkt aus dem Terminal mit der Rolltreppe hinauffahren und hatte einen fantastischen Blick über Vorfeld und Startbahnen. Für ein oder zwei Mark gab es ein Kindereis und die Erfahrung der großen, weiten Welt, pulsierend im zweiminütigen Rhythmus von Starts und Landungen – dem Herzschlag einer zunehmend durchglobalisierten Welt.

Als Sinnbild einer Epoche ist der Flughafen längst vom Twitter-Feed abgelöst worden: Die Globalisierung von Information und Interaktion erscheint aus heutiger Sicht als nächster, notwendiger Schritt nach der Globalisierung von Mobilität. Denn „die Welt ist flach“, schrieb der amerikanische Journalist und Kulturkritiker Thomas Friedman schon vor Jahren und skizzierte das Bild eines Jahrhunderts, das nichts anderes sein kann als „global“. Globalisierung mag gerecht sein oder ungerecht, zu schnell oder zu langsam, aber sie ist allgegenwärtig.

Es sei denn, sie ist es nicht. Die Kehrseite der zunehmenden Globalisierung von Informationen und Kapitalströmen sind energisch vorangetriebene nationale Abschottungstendenzen: Die Flüchtlinge im Mittelmeerraum lernen momentan auf brutale Weise, dass sie definitiv kein Teil dieser „flachen“ Welt sind. Wer die Reise überlebt, endet nicht selten in permanenten Auffanglagern in Nordafrika oder wird per Federstrich in sein Heimatland ­zurückgeschickt. In den USA droht ein multinationales Freihandelsabkommen zu scheitern, weil der Abbau von Handelsschranken mit dem Schutz amerikanischer Arbeiter vor ausländischer Konkurrenz verknüpft werden soll. Man versucht sich an einer Quadratur des Kreises.

Die flache Welt wäre ein Albtraum

Vielleicht sind dies nur Nebenwirkungen eines weitreichenden zivilisatorischen Wandels, Stolpersteine auf dem Weg in die sogenannte Postmoderne. Dann ließe sich sagen: Die Zeit heilt viele Wunden und löst viele Probleme. Per ­aspera ad astra.

Die Alternative ist bedrückender. Was, wenn eine Welt ohne Grenzen und Schranken illusorisch bleibt, weil beispielsweise jeder westliche Sozialstaat unter ihr kollabieren würde? Was also, wenn Globalisierung nur möglich ist, wenn nicht alle an ihr teilhaben können?

In der Wirtschaft spricht man von sogenannten „externen Effekten“, wenn der Preis eines Produkts nicht die eigent­lichen Produktions- und Nutzkosten ­reflektiert. Ein Beispiel: Die Kosten für die gesundheitlichen Folgen des Rauchens werden nur zum kleinen Teil von Tabak­herstellern oder Konsumenten getragen und mehrheitlich vom Steuerzahler (über die Finanzierung des öffentlichen ­Gesundheitssystems). Ähnliches lässt sich über die Globalisierung sagen: Die Verteidigung nationaler Privilegien und die selektive Abschottung – von Zuwanderern, nicht aber von Kapitalmärkten – ist bis heute die wirksamste Strategie, die unabdingbaren Nebenkosten einzugrenzen und auf andere abzuwälzen. Für viele von uns im Westen wäre eine wirklich flache Welt eher ein Albtraum als ein Traum.

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