Unter Zwergen ist jeder ein Riese

Martin Eiermann11.06.2015Außenpolitik

Deutsche blicken gerne mit spöttischem Blick auf die USA. Das verrät mehr über den deutschen Michel, als ihm lieb ist.

Kein anderes Land ist in deutschen Medien präsenter als die USA. Als Hillary Clinton im April per Videobotschaft ihren Wahlkampf einläutete, hatte jede größere deutsche Nachrichtenseite exakt den gleichen prominent platzierten Aufmacher – neunzehn Monate vor den Wahlen. Kein Wunder: Die USA sind eine der wichtigsten Konstanten in der jüngsten deutschen Geschichte. Das deutsch-amerikanische Verhältnis ist dabei seit Langem geprägt von kritischer Intimität: Dissens ist geduldet, wirkliche Distanz nicht. Die Abgrenzung gegen den mächtigen Partner aus Übersee findet ihre Grenzen im Glauben an den geopolitischen Schicksalsbund, der Bonn und Berlin seit Jahrzehnten an Washington bindet.

Die heutige Kritik an den USA hat daher geringere Ambitionen: Ermüdet von der Aussichtslosigkeit grundsätzlicher Auseinandersetzungen, beschränkt sie sich gerne darauf, den Partner im Kleinen der Lächerlichkeit preiszugeben. Amerikaner sind zu dick, zu bequem, zu kriegslüstern, wissen nichts über die Welt jenseits der Landesgrenzen und glauben dank der Dominanz religiös-reaktionärer Knallchargen auch nicht mehr an die Wissenschaft. Im Gegensatz zu Deutschland sei in den USA der Klimawandel „mehr Glaubens- als Wissensfrage“, war jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen, „die Überzeugungen hängen stark vom politischen Hintergrund ab“. Unter großem Applaus erklärte der konservative Hoffnungsträger Ted Cruz beispielsweise den schneereichen Winter 2014 zum besten Argument gegen die globale Erwärmung. Seufzend lehnt der deutsche Michel sich bei solchen Anekdoten zurück: Immerhin hält man hierzulande noch Rationalität und Aufklärung hoch.

„Was für ein Bergvolk!“

Ich bin in der rheinhessischen Provinz groß geworden, und wir haben uns damals über die Dörfler lustig gemacht, die weiter oben am Hang oder weiter unten am Rhein gewohnt haben als wir. „Was für ein Bergvolk!“, haben wir gespottet. Die USA-Kritik hat manchmal eine vergleichbare analytische Tiefe: Sie zieht ihre Kraft nicht primär aus der Absurdität US-amerikanischer Debatten über Klimawandel oder Waffengewalt, sondern aus der damit einhergehenden Bestätigung der eigenen Reife und Rationalität. Unter Zwergen ist jeder von uns ein Riese.

Aber wie riesig sind wir wirklich? In seinem Buch „Wir sind nie modern gewesen“ rechnet der französische Sozialphilosoph Bruno Latour mit der Idee ab, der moderne Mensch lasse sich statt von Dogmen von objektiv fundierten Fakten lenken. Er argumentiert: Reine Wissenschaft existiert nur auf dem Papier. Die Moderne lebt vor allem vom (Irr-)Glauben an die eigene Rationalität.

Dass das auch hierzulande gilt, zeigt beispielsweise die andauernde Debatte um die Energiewende: Vor Fukushima galt die Atomkraft als sichere (und zukunftssichere!) Methode der Stromerzeugung. Nach Fukushima sah das anders aus, ohne dass sich allerdings an der Risikobewertung signifikant etwas geändert hätte. Mit Wissenschaft hat auch das wenig zu tun.

Und so lehrt uns die Kritik an den USA am Ende etwas über beide Seiten: Die Tragödie der USA ist die enorme Halbwertzeit religiöser und radikalindividualistisch motivierter Ideen. Die Tragödie der Kritiker ist der Irrglaube, all das hinter sich gelassen zu haben.

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