Europa ist tot! Es lebe Europa!

von Martin Burckhardt23.12.2016Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Sport, Wirtschaft, Wissenschaft

Europa ist kulturgeschichtlich betrachtet niemals eine geographische, sondern eine geistige Einheit gewesen. Wenn dieses Europa stirbt, dann an der Geistlosigkeit.

If you can‘t solve a problem, enlarge it!
Dwight D. Eisenhower

Irgendwann (wenn die nächste Blase geplatzt ist und die Arbeitslosenzahlen in ungeahnte Höhen hinaufschnellen) wird man auf die vergangenen Jahre mit der Gewissheit zurückschauen, in dieser Epoche kostbare Zeit und Gelegenheit vertan zu haben, und dies nicht nur, was Deutschland, sondern was ganz Europa betrifft. Zwar sprudeln die Steuereinnahmen, aber über das politische Denken hat sich ein Mehltau gelegt, eine Verzagtheit und eine Geistesschwäche, die ihr Heil in einem Weiter so! sucht – und dies just in dem Augenblick, da Europa nichts nötiger hat als eine große, der Zukunft verpflichtete Geste. Insofern verwundert es nicht, dass der Kameruner Postkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe zu dem deprimierenden Schluss gelangt ist, dass Europa nicht mehr als »Apotheke der Welt« tauge. Sowenig Zukunft war nie! Grund für die Trägheit des Herzens und der Vernunft ist die anstrengungslose Saturiertheit, welche die Gesellschaft über Symbolpolitik und Befindlichkeitsstörungen reden, wirkliche Probleme aber links liegen lässt. So hat Deutschland als Werkzeugmacher der Welt in den letzten Jahren enorm profitiert, die Jugend Europas indes der Depression überantwortet – eine Ignoranz, die mit der Eurokrise und dem deutschen Alleingang in der Flüchtlingskrise jenes antieuropäische Ressentiment befeuert hat, welches schließlich im Brexit seine erste Entladung gefunden hat. Hat man das hiesige Auf-Sicht-Fahren als nüchternen Pragmatismus gefeiert, wird man diesen Regierungsstil im Nachhinein als gesellschaftlichen Blindflug auffassen, als Form der politischen Selbstdemontage, bei der sich das politische Bewusstsein depolitisiert und infantilisiert hat – um den Preis eines weitgehendes Wirklichkeitsverlusts. Jedoch kann man sich die Welt nur sehr bedingt vom Leib halten, zeigen Griechenland und Flüchtlingskrise, Brexit und Trump, dass die fetten Jahre Vergangenheit sind.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Hier genau zeigt sich das Paradox, das weder unsere verzagten Regierungen noch ihre populistischen Gegner ausnimmt: nämlich dass in einer sich radikal wandelnden Welt so wenig Zukunft herrscht wie nie, ja, dass ein regelrechter Retro-Kult sich der Geister bemächtigt hat. Fragt man nach den Ursachen für den alles überragenden Defätismus, werden die beiden heimlichen, zugleich kopflosen Herrscher der Gegenwart ins Spiel gebracht: Globalisierung und Digitalisierung. Damit scheinen die Gründe für den Rückzug der Politik deutlich benannt. Schon seit Mitte der 70er Jahre, als die Weltfinanzmärkte in das free floating hineinrutschten, begann die politische Handlungsfreiheit der Akteure zu schrumpfen, hob jener Limbotanz an, bei dem die Staaten in einen Unterbietungswettlauf einstiegen, während die global players Arbitragegewinne unerhörten Ausmaßes realisierten. Dennoch ist die begriffliche Unschärfe, die uns Digitalisierung und Globalisierung in einen Topf werfen lässt, hochproblematisch. Denn denken wir die Entwicklung der Robotik, aber auch der Big Data-Lösungen fort, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer sich im Nachhinein als Zwischenstadium erweist und die Arbeitskräfte dorthin zurückkehren werden, von wo sie geflohen sind – der dort herrschenden Infrastruktur und Rechtssicherheit wegen. Neu ist, dass man fortan keiner Menschen, sondern nur einer Armee von Robotern bedarf. So arbeitet beispielsweise die Firma Adidas unter dem Motto »Wir verlagern die Produktion dahin, wo der Verbraucher ist« an einem komplett robotergesteuerten Werk im Fränkischen Ansbach, ebenso wie man mit einer Fertigungsstätte in den USA den dortigen Markt zu befriedigen sucht. Bezeugt diese Entwicklung die Unabwendbarkeit der digitalen Revolution, zeigt sie andererseits, dass selbige auch zu einer partiellen Rückabwicklung der Globalisierung beitragen kann. Mithin wäre die Globalisierung ein Epiphänomen der digitalen Revolution, letztere hingegen das Betriebs- und Herrschaftsysytem unserer Welt. Dies aber heißt, dass der entscheidende politische Konflikt nicht mehr zwischen armen und reichen Ländern verläuft, sondern, radikaler noch, zwischen Mensch und Maschine, natürlicher Knappheit und symbolischem Reichtum. Und weil die Revolution ihre Kinder frisst, muss auch die Finanzindustrie, über lange Zeit Nutznießer der digitalen Beschleunigung, erleben, dass ihre trägen Sozialgebilde jungen, schlanken und algorithmisierten Fintech-Unternehmungen Platz machen müssen.

Wenn die wahre Revolution erst noch bevorsteht, ist es unerlässlich, die buzzwords des Silicon Valley (Skalierung und Disruption) als wesentlich politische Begriffe zu deuten. Der Umstand, dass die digitalen Gespenster (social bots, fake news etc.) in der Öffentlichkeit herumgeistern, ist Symptom wie Beleg dafür, dass diese Anstrengung längst überfällig ist. Worin also besteht das Revolutionäre der digitalen Revolution? Zweifelsohne haben wir es mit einem Moment kreativer Zerstörung zu tun, gegen den sich Dampfmaschine, Manchesterkapitalismus, aber auch der Taylorismus des frühen 20. Jahrhunderts wie ephemere Turbulenzen ausnehmen. Weil jedes digitale Objekt gleichermaßen ortlos wie unendlich ist, tendieren seine Grenzkosten gegen Null, kann man andererseits von einer weltweiten Verfügbarkeit ausgehen. Aus dieser Besonderheit ergibt sich die Möglichkeit der Skalierung. Denn über das Netz lassen sich soziale Plastiken (Portale) erzeugen, die weltweit funktionieren und bei überschaubaren Kosten Hunderte Millionen Konsumenten bedienen. Damit wird der klassische Kapitalismus gleich in doppelter Form attackiert: einmal, weil sich die Logistik und der Zwischenhandel erübrigt, zum zweiten, weil das Objekt eine solche Entwertung erlebt, dass man nachgerade von einer Kernschmelze reden könnte. Die fast vollständig durchdigitalisierte Musikindustrie ist ein schlagender Beweis dafür, dass unsere Welt nicht mehr, wie die ökonomischen Proseminare lehren, ein »Stern der Knappheit« ist, sondern ein Ort des Überflusses. Demgemäß hat man es mit einer grundstürzenden Umwälzung des Denkens zu tun, einer Disruption unseres kapitalistischen Denkens, deren Folgen noch nicht einmal in Ansätzen durchbuchstabiert sind. Weil hier nicht die Globalisierung, sondern die Digitalisierung Pate steht, wird man in der digitalen Grundformel, mit der Mathematiker George Boole Mitte des 19. Jahrhunderts die digitale Logik begründete, den Grabstein des Kapitalismus entdecken: x=xn. Denn damit ist jedem digitalisierten Produkt das folgende Mantra auferlegt: Ich bin überflüssig, umsonst, nicht zu verkaufen. Diese Ungleichung erklärt den sonderbaren, manch Ökonomen verstörenden Umstand, dass die digitale Revolution im Bruttosozialprodukt keine nennenswerten Steigerungen bewirkt. Nach dem Obigen ist dies jedoch leicht zu verstehen. Die Wikipedia gibt es umsonst – und ihr gesellschaftlicher Nutzen schlägt sich in der Statistik nur als Einsparung nieder. Dieses ökonomische Downsizing betrifft nicht nur die Güter, sondern auch die menschliche Arbeit. Jede Arbeit, die digitalisiert und dem Arbeitsspeicher überantwortet wird, ist als menschliche Arbeit vernichtet. Halten wir uns vor Augen, dass sich dieser Prozess in dem Maße beschleunigt, in dem die Arbeit ganzer Jahrgänge, ja einer Generation ins Museum der Arbeit eingeht, steht eine weitere Radikalisierung ins Haus: Fortan muss der Arbeiter (das »bedürftige Kapital», wie Marx ihn nennt) gegen das tote Kapital antreten – ein Kampf, der fast immer zulasten des Menschen ausgeht. Stehen wir hier der Entwertung der Arbeitskraft gegenüber, winken dem, der über das tote Kapital verfügt, geradezu unendliche Gewinne. Haben die Industriemagnaten des 19. Jahrhunderts Heerscharen von Arbeiten für sich arbeiten lassen, verfügen die whiz kids der Gegenwart, in Gestalt ihrer Softwarearchitekturen, über Geisterarmeen. Folglich bedarf es, um ein skalierbares, disruptives Geschäftsmodell aufsetzen zu können, nicht viel mehr als der Cloud. Insofern wäre die Formel von der Privatisierung der Gewinne, die Sozialisierung der Verluste zu präzisieren, wäre zu sagen, dass sich die Unendlichkeit privatisiert, die Endlichkeit massiert.

Im Potemkinschen Dorf

Insofern sie soziale Werte annihiliert, fordert die digitale Revolution ein gründliches Nachdenken darüber, was in Zukunft Arbeit, Wertschöpfung und Bildung bedeuten. Indes wird hier nicht nur das soziale Schisma zwischen Mensch und Maschine sichtbar, sondern kündigt sich eine weitere Konfliktzone an: zwischen Symbol und Natur, Zeichenüberfluss und knappen Ressourcen. Mag die digitale Hinterwelt grenzenlosen Reichtum verheißen, sind die natürlichen Ressourcen begrenzt. Gewiss führen die zeitgemäßen Ausbeutungsverhältnisse zu einer weitgehenden Appropriation, auch zu einer Vergeudung der Bodenschätze, dennoch könnte dieser Konflikt, ins Positive gewendet, die Gestalt einer nachhaltigen Energiepolitik annehmen. Hier wäre die Frage: Wie kann die Maximierung menschlicher Intelligenz eine Minimierung an Ressourcenverbrauch bewirken? Nehmen wir die soziale, aber auch die ökologische Implikationen, zeigt sich, dass man der digitalen Revolution nicht auf der Ebene der Technik beikommen kann. Ganz im Gegenteil: man wird genötigt, ein über Jahrhunderte erprobtes Weltverhältnis auf den Prüfstand zu stellen. Könnte es sein, dass sich der Kapitalismus zu Tode gesiegt hat? Dass ein solcher Verdacht nicht auf Begeisterung stößt, kann man verstehen. Denn dies hieße, eines vertrauten Denkgebäude, ebenso wie des dazugehörigen politischen Koordinatensystems beraubt zu werden. Folglich ist man bemüht, die sich mehrenden Zeichen wachsender Fremdheit einzuhegen. Die stumpfsinnige Weise, mit der man Krise des Euro beizukommen versucht hat, ist ein Beleg dafür, dass man, um die Potemkinschen Dörfer zu verteidigen, nicht einmal vor den größten Absurditäten zurückschreckt. Erinnern wir uns: Anlass dafür, in der Eurozone die Sitten zu lockern (quantitative easing) war die Wirtschaftskrise Südeuropas. Mag diese zum Teil auf nationale Strukturprobleme zurückgehen, ist der entscheidende Punkt jedoch die Krise der Arbeit, die sich im Gefolge der digitalen Revolution eingestellt hat. Wie aber begegnen unsere Währungshüter dieser Problematik? Da die EZB nur Geld drucken kann, pumpt sie Abermilliarden in die Märkte hinein. Jedoch kommt das Kapital nicht bei der erwünschten Zielgruppe an, sondern bei den Spekulanten, die ihrerseits in Aktien und Immobilien investieren. Weil sich die Maßnahmen als unwirksam herausstellen, senkt man den Zins, bis in jene Zone hinein, da man sich den Gottseibeiuns aller Ökonomen, Silvio Gesells Negativzins einhandelt – eine Anomie, an der sich kein zeitgenössischer Ökonom zu stören scheint. Kommt dies eine Bankrotterklärung der Disziplin gleich, wird damit auch das universale Äquivalent der Entwertung überantwortet. Der Amerikaner James Rickards hat in seinem Buch Death of Money untersucht, wie sich ein zusätzlich gedruckter Dollar auf das Bruttosozialprodukt auswirkt: Bewirkte er in den 50er Jahre einen Mehrwert von 2.52 $, sackte dieser Betrag in den 70ern auf 0.54 $, während er heutzutage bei lächerlichen 0.03 $ liegt. Wo aber bleiben die restlichen 97%? Sie dienen der Neubewertung der Vergangenheit – erzeugen Immobilienblasen und verzögern die technologische Innovation. Mit anderen Worten: Die Kur ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.

Potlatsch der Scheinproduzenten

Radikal zugespitzt, ließe sich fragen, warum man, wenn man denn ohnehin Milliarden von Euro zu vernichten bereit ist, dies nicht auf intelligentere Art und Weise besorgt – etwa dadurch, dass die Staaten die Summen, die sie Spekulanten zur Verfügung stellen, nunmehr der Lösung der großen Menschheitsfragen widmen: Energie und Bildung. Mag ein Ordo-Politiker sich über eine solch offen unseriöse Fragestellung erbosen, wäre dem entgegenzuhalten, dass der Potlatsch in den Gedankengängen der Zentralbank eingepreist ist, ja, dass man in heller Verzweiflung zu sehr viel wagemutigeren Stunts zu schreiten bereit ist: dem Helikoptergeld beispielsweise. Dabei sind die katastrophalen Folgen der Scheinproduktion längst zu besichtigen: in Griechenland, dem Aufstieg des Populismus, dem antieuropäischen Ressentiment, Blasenbildung etc. Und Besserung scheint nicht in Sicht. Hat sich in den letzten Jahren die Unwucht zwischen Kapital und Arbeit zuungunsten der Arbeit verändert, wird die nächste Wirtschaftskrise diesen Prozess noch verstärken – insbesondere dann, wenn die Sparzwänge dazu führen, dass die Rationalisierungsgewinne des machine learning den Dienstleistungssektor austrocknen lassen. Die Antwort darauf, warum man in Anbetracht dieser desaströsen Bilanz zu den immer gleichen Rezepturen Zuflucht nimmt, fällt mit Einsteins Definition von Wahnsinn zusammen: immer dasselbe zu tun, aber ein anderes Ergebnis zu erwarten. Andererseits können sich die Herren des Geldes damit herausreden, dass ihre Maßnahmen systemratonal sind. Die Märkte jedenfalls, die in den Genuss zinsfreier Kredite und weiteren Spielgeldes gelangen, danken es ihnen, indem sie die Börsenkurse auf Rekordhöhe schicken. Tatsächlich jedoch ist der einzige Grund, der solch blinden Aktionismus rechtfertigt, der entschiedene Wille zur Scheinproduktion, der Wunsch, auch weiterhin business as usual treiben zu können. Um das Weiter so! garantieren zu können, stellt man sich blind für die Momente der Systemgefährdung, ignoriert, dass die Fallhöhe wächst und die Zentralbank bei der nächsten Krise ihr Pulver verschossen hat. Wie kann der Zins tiefer noch fallen? Und wer wird, wenn Politik und Zentralbank ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, derjenige sein, der die Glaubenskrise des Kapitalismus wenn nicht bewältigt, so wenigstens lindert? Dies vor Augen, versteht man, warum die Frage nach der Zukunft, ja nach den politischen Visionen überhaupt, ein Gedankentabu berührt. Denn jedermann weiß: Es bedarf nur eines Kindes, um die Nacktheit seiner Majestät festzustellen.

Vom Wunderglauben

Tatsächlich scheint das Entréebillet zeitgemäßer Politik, dass man bestimmte Grundfragen nicht stellt – oder wenn: dass man sie an die Märkte delegiert, die es richten sollen. Weil der Glaube an die Allmacht des Staates durch die Allmacht des Marktes ersetzt worden ist, übt man sich in Abstinenz, ja, verfällt nicht einmal auf den Gedanken, dass der Staat im Interesse des Gemeinwesens als Akteur auftreten sollte. Dies wird deutlich in der Energiewende, die, obschon zur Hälfte durchaus geglückt, ihrer Kosten wegen gründlich diskreditiert ist. Im blinden Vertrauen darauf, dass die Märkte es richten, hat man den Fragen, die im Gemeinschaftsinteresse liegen (Speicherung der erneuerbaren Energien, Ausbau eines intelligenten Netzes) weder Mittel noch Aufmerksamkeit gewidmet. Warum aber sollten auf Profitabilität ausgerichtete Wirtschaftsakteure Forschungsfragen angehen, die sich auf absehbare Zeit nicht refinanzieren? Ganz unzweifelhaft haben die Politiker sich die digitale Welt als Modell genommen, in der ein solches Wunder stattgefunden hat: Dass das Internet die ganze Welt miteinander vernetzt hat, mit Linux eine kostenfreie Architektur zum Betriebssystem des Kapitalismus avanciert ist, ist ein schlagender Beleg dafür, dass dezentrale Netze mächtiger und resilienter sind als jeder monolithische Machtpol. Zweifellos ist dies der Fall, jedoch muss man doch fragen: Wie ist es überhaupt zu diesem Wunder gekommen?

Loblied der Bombe

An dieser Stelle wäre eine historische Rückerinnerung hilfreich. Denn auch wenn man versucht sein könnte, das Loblied der Graswurzelbewegung zu singen, ist es keineswegs so, dass die digitale Revolution aus dem Nichts gekommen wäre. Ihre Ursprünge liegen vielmehr in der entschiedenen Bereitschaft des amerikanischen Staates, der Forschung bis dato unerhörte Mittel zur Verfügung zu stellen – und zwar weitgehend frei von politischen Vorgaben. Als Katalysator dieser Entwicklung diente dabei das Manhattan Project, dessen wissenschaftlicher Leiter, Vannevar Bush, sich zuvor als Computerpionier am MIT einen Namen gemacht hatte. Seiner Initiative war das Aufblühen der amerikanischen Forschungslandschaft zu verdanken, die, nachdem sie das sinsistre Ziel der Atombombe erreicht hatte, ihre Ziele auf friedlichere Felder verlagerte. Spricht man hier vom militärisch-industriellen Komplex, handelt es sich in Wahrheit um die Nutzbarmachung und Ökonomisierung wissenschaftlicher Einsichten. Nur dieser Wissenschaftsförderung verdanken sich die zivilen Fortschritte, die zum Transistor und zum Mikrochip, zum PC, schließlich zum Internet geführt haben (und ganz nebenbei, auch die Photozelle, die den Boom der regenerativen Energien befördert hat, geht auf die 50er Jahre zurück). Konnte auf diese Weise die Depression der 30er Jahre überwunden werden, ist die politische Lektion dieses Wandels weitgehend in Vergessenheit geraten. Im Gefolge der neoliberalen Ideologie hat der Staat das Feld privaten Initiativen überlassen – oder beschränkt sich als Makler darauf, die Interessen der heimischen Großkonzerne zu vertreten. Damit aber hat man die Zukunftsvorsorge einem immer kurzsichtiger agierenden Markt preisgegeben – haben wir ein Schrumpfen der Zeithorizonte erlebt, bis zu jenem Punkt, da selbst die Selbstvernichtung, wenn sie denn kurzfristige Aufmerksamkeitsgewinne versprach, als grandiose Investition galt (wie in der Finanzkrise bestens belegt). Dabei sind die Internetriesen noch die einzigen Akteure, die einer halbwegs konsistenten Zukunftsstrategie folgen (und die Intelligenz versammeln, um Projekte wie die Kartierung der Welt, die autonome Auto, die Internetversorgung anzugehen). Weil der Staat als Akteur ausfällt, scheint der Gedanke, dass man den militärisch-industriellen Komplex durch einen informatisch-ökologischen Komplex ersetzen könnte, eine Art Phantasterei. Aber genau das wäre die Frage: Was würde passieren, wenn man eine wahrhaft gemeinfreie Energiepolitik auf den Weg bringen würde, eine Politik, die nicht durch Patente blockiert, sondern – der Open Source-Bewegung entsprechend – allgemein zugänglich wäre? Was wäre, wenn man dieses Projekt, großzügig finanziert, einer europäischen Energieagentur in die Hände legte, deren Verpflichtung nicht in der Marktförderung, sondern allein in der Maximierung menschlicher Intelligenz liegen müsste? Dabei sind die Lektionen, die mit der kurzen Geschichte der Digitalisierung einhergehen, Erfolgsgeschichten: Open Source, Dezentralität, Modularität. Wildwuchs und geregeltes Chaos statt Planung. Die Architekturen, die eine solche Arbeitsweise befördern (wie Github oder das Node.js-Ökosystem), haben schon jetzt unter Beweis gestellt, dass sie proprietären Entwicklungen weit überlegen sind. Was fehlt, ist die Finanzierung der digitalen Allmende. An dieser Stelle kommen wir auf die eingangs eingeführten Begriffe Skalierung und Disruption zurück. Da jedes digitale Gut, wie wir wissen, skaliert, ist die Anwendbarkeit eines auch nur bescheidenen Fortschritts – global. Diese Skalierungsmöglichkeit würde es der ganzen Welt erlauben, von diesen Fortschritten zu profitieren. So besehen ließe sich die Konfliktzone zwischen unendlichen Zeichen und begrenzen Ressourcen lösen, wäre eine vergleichbare disruptive Gesellschaftsveränderung möglich, wie wir sie bereits mit der Entstehung des Internets erlebt haben. Und man könnte Achille Mbembes Memento widerlegen, dass Europa aufgehört hat, die Apotheke der Welt zu sein.

Europa ist tot! Es lebe Europa!

Zweifelsohne würde Europa, wenn es sich an eine solch große Aufgabe wagte, bei seinen Bewohnern genau in dem Maße an Zuneigung gewinnen, in dem sich ihre Lebenswirklichkeit zum Besseren wandelt – was im Falle billigerer Energien ein Selbstläufer wäre. Schon der Umstand, dass man hier in eine eine gemeinsame, offene Zukunft aufbricht, würde einem solchen Projekt Legitimität verleihen – ähnlich wie das Projekt der bemannten Raumfahrt zum sozialen Amalgam der 60er Jahre wurde. Warum aber unternimmt man – in Anbetracht der ungeheuren Erfolgsgeschichte der digitalen Revolution – nicht einmal den Versuch, groß zu denken? Die Antwort darauf ist so simpel wie deprimierend: Weil die Ansprüche derer, die vom status quo profitieren, als gewichtiger erachtet werden als die Zukunft, die keine Lobby besitzt. Jedoch wäre ein solch mutiges Projekt der größte Dienst, den Europa sich selbst und der Welt erweisen könnte – ein Projekt, welches zutiefst mit dem Europagedanken verwoben ist. Denn Europa ist, kulturgeschichtlich betrachtet, niemals eine geographische, sondern eine geistige Einheit gewesen – eine, wenn man so will, fliegende Ordnung. Nur deswegen ließ sie sich ohne große Mühe nach Amerika übertragen, ja, gilt noch heute als Maßstab aller politischen Ordnungssysteme. Schon von daher sind die antieuropäischen Ressentiments höchst beunruhigend. Nun kann es durchaus sein, dass (wie der Kapitalismus an seinem überragenden Erfolg zugrunde geht) Europa der Materialisierung und Bürokratisierung erliegt. In den europäischen Hauptstädten jedenfalls ist der große Europagedanke auf das Weltbild von Buchhaltern, Kleingeistern und digitalen Analphabeten zusammengeschrumpft, die in der digitalen Revolution nicht viel mehr als ein Monster entdecken, das man mit einem Algorithmen-TÜV zähmen muss. Wenn also Europa stirbt, so an der Geistlosigkeit. Und trotzdem! Halten wir uns vor Augen, dass die Digitalisierung ein Projekt ist, das tief mit der europäischen Geistesgeschichte verknüpft ist, wird die Formel letztlich doch eine andere sein: Europa ist tot! Es lebe Europa!

Ps. Wenn sich ein Leser an der Pauschalität der Aussagen, vor allem aber am despektierlichen Urteil über die digitalen Analphabeten stören sollte, folgendes Rechenexempel. Deutschland muss für die Bewältigung der Flüchtlingskrise ca. 20 Milliarden € aufbringen. Das ist mehr als das Doppelte des Entwicklungshilfe-Haushalts 2017 (8.541 Milliarden) und beinahe ca. 66% Gesamtausgaben für die Universitätsbildung (Bund und Länder insgesamt 29.9 Milliarden 2016). In Anbetracht dieser gewaltigen Summe, die vor allem humanitären Erwägungen folgt, stellt sich die Frage, warum nicht einmal ein Hundertstel dieser Summe für den Aufbau von digitalen Sprachkursen (nach dem Modell der MOOCs, der Massive Open Online Courses) bereitgestellt worden ist. Eine solche Investition würde dabei nicht nur dem Mangel an Sprachkursen abhelfen, sie könnte, der Skalierungslogik folgend, auch zu einem Impulsgeber für den Fremdsprachenerwerb der einheimischen Bevölkerung genutzt werden. Abgesehen davon, dass man auf diese Weise politische Legitimität gewönne, ist das Verstörendste an diesem Beispiel, dass man eine derartige Option nicht einmal diskutiert hat.

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