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Der Islam kennt keine Nebengötter

Eigentlich ist der Islam eine intime Religion, die keine Instanzen zwischen Gott und den Menschen kennt. Nur wissen das viele nicht, sodass “Theo-Lobbyisten” hüben wie drüben munter weiter um Macht und Einfluss kämpfen können.

Zwischen Gott und Mensch passt kein Blatt Papier. Eigentlich. Denn von seinen theologischen Grundlagen her ist der Islam eine ganz besonders intime Religion. Im Koran heißt es dazu: “Gott ist mir näher als meine eigene Halsschlagader” (Sure 50, Vers 16). Näher geht es wohl nicht.

Diese religiöse Kernbotschaft dringt aber nicht durch, schon gar nicht in den aufgeregten Debatten über Integration und Islam. Fast täglich sitzen in den Talkshows Funktionäre und Lobbyisten islamischer Verbände und sogenannte Islamkritiker, die sich gegenseitig die Köpfe ein- und die Legitimation abschlagen. Dabei ist die theologische Kernbotschaft ganz einfach: Der Islam kennt keine Nebengötter und benötigt keine Zwischeninstanzen, die “höchstrichterliche” Deutungsurteile über die theologischen Inhalte fällen. Eigentlich ist der Islam sogar besonders gut als moderne säkulare Religion geeignet, die eben nicht als mittelalterliche Machtinstitution auftritt, sondern als Anbieter persönlicher und privater spiritueller Erbauung.

Der Staat bietet den Religions-Lobbyisten eine Plattform

Leider spricht die Realität eine andere Sprache: Die religiösen Gruppierungen und Akteure – Zentralrat der Muslime, Ditib, Islamrat, VIKZ, Moscheegemeinden oder Alevitenföderation – streiten sich um Einfluss und Macht, speziell bei der Frage, wer denn nun “den Islam” in Deutschland repräsentieren darf. Und der Staat, der permanent nach einem solchen Ansprechpartner sucht, bietet den Lobbyisten eine Plattform, um stetig an Einfluss und Bekanntheit zu gewinnen. Islamverbände, die bei der Islamkonferenz des Innenministers am Tisch saßen, werben heute offen mit diesem staatlichen Gütesiegel.

Die Entwicklung hin zu stark lobbyzentrierter Religion ist dabei nichts Neues. Der Amtskult um den Papst ist schon länger eine zentrale PR-Strategie der katholischen Kirche im Kampf um Einfluss und Mitglieder. Der Papst mit seinen roten Schuhen und seiner königlichen Erscheinung ist das Gesicht einer ansonsten völlig gesichtslosen, weil intransparenten Institution. Auch die evangelischen Kirchen versuchen sich in Personen- und Ämterkult, um in der Mediendemokratie Aufsehen zu erregen. In der ZEIT kritisierte jüngst ein evangelischer Theologe die Tendenz protestantischer Würdenträger, sich nach Vorbild der Katholiken mit großer Show und Pomp zu inszenieren.

Wir Europäer reden viel über Religion, beschäftigen uns aber immer weniger mit theologischen Fragen. Also ist es nur logisch, dass sich Lobbyisten von Islamverbänden kaum mit Theologie beschäftigen. Nein, sie beschäftigen sich stattdessen mit Identitätsfragen oder rein weltlichen Themen. Von islamischer Kleidung bis hin zu islamischen Fitnessstudios nur für Frauen – nichts ist vor ihnen und ihren "religiösen“ Ansichten sicher, alles muss dran glauben. Der stetig wachsende Markt an islamkonformen Nahrungsmitteln ist ein deutliches Indiz für diese Entwicklung.

Der Islam sollte gleichfalls vor allem eine Lehre der privaten spirituellen Erbauung sein

Nicht “der Islam” ist folglich das Problem, sondern die Interpretationen, die dem Islam von verschiedenen Seiten mehr oder minder fundiert übergestülpt werden. Statt pauschal “die Muslime” in einen Topf zu werfen, sollten wir alle gemeinsam den Islam von all den Folien befreien, die ihn überziehen. Auch der Katholizismus hat sich erst mit Demokratie und Postmoderne versöhnen können, als die Macht der menschlichen Institution Kirche stark beschnitten wurde. Der Islam sollte gleichfalls vor allem eine Lehre der privaten spirituellen Erbauung sein; eine Lehre vom Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, zwischen die kein Blatt Papier passt. Daran haben auch viele Muslime ein Interesse.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Markus Blume, Annegret Kramp-Karrenbauer.

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