Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

Schwestern, zur Sonne, zur Gleichheit

In der Praxis sind wir noch weit entfernt von einer tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter. Das hat viel mit dem Fortwirken alter Rollenbilder und Stereotype zu tun, die sich hartnäckig halten. Hinweg mit ihnen!

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Nicht wenige Zeitgenoss/innen sind der Meinung, der Internationale Frauentag habe sich überlebt. Wenn wir auf die Forderungen schauen, die vor hundert Jahren erhoben wurden, zentral war das Frauenwahlrecht, dann könnten wir zu diesem Schluss kommen. Schauen wir allerdings auf die tatsächliche Umsetzung des Verfassungsziels „Gleichberechtigung“, dann kommen wir rasch zu der Erkenntnis, dass es noch zu viele ungelöste Probleme gibt, um auf diesen Tag zu verzichten. Er ist auch heute noch, und zahlreiche Aktivitäten in den vergangenen Tagen belegen das, ein guter Anlass, um auf die vielen Facetten von geschlechtsspezifischer Benachteiligung hinzuweisen und entsprechende Forderungen zu erheben.

Alte Rollenbilder wirken fort

Nach wie vor wirken traditionelle Rollenbilder fort, wird Frauen die überwiegende Verantwortung für Familien- und Hausarbeit zugeschrieben. War es in der Folge dieser Zuschreibung bislang weitgehend die Sorge für die Kinder, die Frauen dazu veranlassten, ihre Erwerbsarbeit zu reduzieren, wird es in Zukunft die zunehmende Zahl der zu pflegenden Angehörigen sein, die solche Schritte notwendig macht. Diese Unterbrechungen haben fatale Folgen: Frauen haben deutlich weniger Karrierechancen als Männer, weil durch die Unterbrechungen ihre Berufserfahrungen geringer sind als die der konkurrierenden Männer, sie erzielen weniger Entgelt – weil sie häufiger in Teilzeit arbeiten, aber auch, weil sie in Berufen tätig sind, in denen erheblich schlechtere Gehälter bezahlt werden als in sogenannten Männerberufen.

Eine der Ursachen für die ungleiche Bezahlung liegt auch darin, dass das Bild des Familienernährers ebenso hartnäckig in den Köpfen verankert ist wie das der Hinzuverdienerin. Gesetzliche Regelungen wie das Ehegattensplitting oder auch die kostenfreie Mitversicherung der Ehegattin in der Gesetzlichen Krankenversicherung verfestigen genau diese Bilder.

Überwindung von Stereotypen

Was hat das mit dem Internationalen Frauentag zu tun? Natürlich reicht es nicht aus, an einem Tag des Jahres auf diesen und ähnliche Missstände hinzuweisen. Es ist aber auch wahr, dass der Internationale Frauentag eine Gelegenheit ist, von vielen und unterschiedlichen Seiten darauf hinzuweisen und damit eine höhere Aufmerksamkeit für diese Fragen zu erreichen als an den anderen 364 Tagen des Jahres. Und wenn dabei noch deutlich wird, dass die Forderungen nach einer Überwindung von Rollenstereotypen, die Verbesserung der Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt, die Schaffung verlässlicher Rahmenstrukturen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit, die Einführung verpflichtender gesetzlicher Regelungen zur Gleichstellung von Frauen in der Privatwirtschaft oder auch zur Steigerung des Frauenanteils in Führungspositionen Frauen (und auch Männer) unterschiedlicher politischer Ausrichtung und Tradition miteinander vereinen, dann könnte es – hoffentlich schneller als in 100 Jahren – gelingen, dass unsere Demokratie endlich geschlechtergerecht und damit menschengerecht wird.

Gehen wir also gemeinsam voran, Schwestern, zur Sonne, zur Gleichheit – und vollenden wir das, was unsere Vorfahrinnen begonnen haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sabine Kleindiek , Heike Heim, Bündnis 90 Die Grünen.

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