„Konsum reduzieren bis zur absoluten Abstinenz“

von Marlene Mortler6.10.2014Gesellschaft & Kultur

Kann der Staat seine Bürger frei entscheiden lassen, ob sie Drogen nehmen? Nein, sagt die Drogenbeauftragte Marlene Mortler. Sebastian Pfeffer und Lars Mensel fragen, warum.

*The European: Frau Mortler, was ist aktuell das wichtigste Thema in der Drogenpolitik?*
Mortler: Ganz aktuell beschäftigen uns neue psychoaktive Substanzen. Da diese oft noch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, sind sie oftmals nicht illegal und viele glauben leider, dass sie deshalb nicht schaden. Für die Rechtspolitik ist es eine riesige Herausforderung, eine schnelle und wasserfeste gesetzliche Regelung zu finden. Wir betreten hier rechtliches Neuland. Ein weiteres Thema ist Crystal Meth. Hier haben wir unterschiedlich große Probleme in Deutschland, vor allem im Bereich der süd-östlichen Grenzregionen.

*The European: Welche Schwerpunkte setzt die Drogenbeauftragte?*
Mortler: Ich sehe eine große Herausforderung im Bereich der Prävention in der Altersgruppe 18 bis 25 Jahre. Während wir in den zurückliegenden Jahren gute Erfolge bei den bis 17-Jährigen erzielen konnten, sehen wir, dass die Altersgruppe der jungen Erwachsenen diesem Trend noch nicht folgt. Wir müssen den Übergang zum Erwachsenenalter deshalb noch besser mit Präventionsmaßnahmen begleiten.

*The European: Der Europäische Drogenbericht 2014 zeigt, dass der Konsum illegaler Drogen weitgehend stabil ist. Die Bemühungen der Politik sind entweder nicht effektiv genug, oder das Bedürfnis der Menschen ist so groß, dass sie sich nicht abhalten lassen.*
Mortler: Man kann sich auch fragen, was wäre, wenn wir diese Anstrengungen nicht unternehmen würden. Unsere Drogen- und Suchtpolitik ist im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt. Es gibt immer etwas, das man noch besser machen könnte. Aber seit ich im Amt bin, erkenne ich, dass gerade das Thema zielgerichteter Prävention eine immer größere Rolle spielt. Vor allem die altersgerechte Ansprache an Kinder und Jugendliche liegt mir sehr am Herzen. Wenn wir das möglichst flächendeckend schaffen, haben wir eine gute Basis, um jedem einzelnen Kind oder Jugendlichen die Stärke zu geben, „Nein“ zu sagen.

*The European: Im Koalitionsvertrag werden Drogen nur an zwei Stellen erwähnt, im Kontext organisierter Kriminalität und Abschiebungen. Haben Sie in der Bundesregierung ausreichend Unterstützung?*
Mortler: Ich habe zwar nicht selber an diesem Teil des Koalitionsvertrags mitgeschrieben, aber ich sage Ihnen, Sie haben etwas vergessen.

*The European: Ja?*
Mortler: Er enthält auch eine Passage zur kommerziellen Kommunikation im Internet. Immer mehr Jugendliche werden dort gezielt angesprochen, um Alkohol schon in jungen Jahren salonfähig zu machen. Aus meiner Sicht eine klare Umgehung der Jugendschutzregelungen.

*The European: Uns ging es eher um illegale Drogen.*
Mortler: Die legalen Suchtmittel sind aber nicht minder bedeutend, im Gegenteil. Alkohol und Tabak stellen uns vor die zahlenmäßig größten Herausforderungen.

*The European: Aber Sie fühlen sich ausreichend unterstützt?*
Mortler: Ja. Ich habe einen sehr guten Kontakt zu unserem Minister. Wir arbeiten eng zusammen.

„Ich rede in Bierzelten, wenn ich gefragt werde“

*The European: Sie sagen, Alkohol und Tabak sind das größte Problem. Sie sind aber legal. Warum macht der Gesetzgeber hier nach wie vor so große Unterschiede zu anderen Drogen?*
Mortler: Der Gesetzgeber hat alles im Blick und ich als Drogenbeauftragte erst Recht, weil es mir immer um die Gesundheit geht. Egal ob wir über illegale oder legale Drogen reden. Auch bei legalen Suchtmitteln kommt es auf den Konsum und die Menge an. Ich versuche gerade bei Alkohol stark aufs Bremspedal zu treten. Es wäre ein vollkommen falsches Signal, wenn ich gleichzeitig bei den illegalen Drogen aufs Gaspedal steigen würde.

*The European: Wie äußert sich das Bremsen beim Alkohol?*
Mortler: Egal wo ich geh’ und steh’ versuche ich aufzuklären, die Menschen zu sensibilisieren. Ich fand es zum Beispiel klasse, dass die Bundeskanzlerin an ihrem 60. Geburtstag einen alkoholfreien Aperitif hat servieren lassen. Man muss sich den Realitäten stellen. Ich selbst halte daher auch in Bierzelten Reden, wenn ich gefragt werde. Aber ich versuche dem Publikum zu vermitteln, dass Wasser und alkoholfreies Bier auch wunderbar schmecken können. Vor allem, wenn man als Beauftragte der Bundesregierung ein Vorbild sein will.

*The European: Dass es für die Gesundheit besser ist, ein Glas Wasser zu trinken als ein Glas Bier, da sind sich vermutlich alle einig. In einem Spannungsverhältnis befinden wir uns aber dort, wo Gesetze gemacht werden und es heißt: „Wenn du das tust, kommt die Polizei.“ Bürgerliche Freiheit wird dann stark beschränkt, bis hin zum Gefängnis. Und gerade aus gesundheitlicher Perspektive stellt sich die Frage, warum man dem Wodka mit „Trink lieber Wasser“ begegnet und dem Joint mit „Hier kommt der Staatsanwalt“.*
Mortler: Unser Gemeinwesen braucht Spielregeln und Leitplanken. Aber selbst im Bereich der illegalen Drogen gibt es Spielräume, z.B. wenn es um geringen Eigenkonsum geht.

*The European: Finden Sie das gut?*
Mortler: In Berlin finde ich die Grenze zu hoch.

*The European: Grüne und Linke wollen eine stärkere Liberalisierung der Drogenpolitik. Auch eine Gruppe von Ex-Staatschefs um den ehemaligen Uno-Generalsekretär Kofi Annan

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