Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht. Thilo Sarrazin

Weniger ist mehr

Alkohol gehört noch immer in vielen gesellschaftlichen Situationen mit zum guten Ton. Dennoch werden wir vielleicht irgendwann keine Promille mehr brauchen, um fröhlich zu feiern.

Der Alkohol spielt in unserer Gesellschaft leider immer noch eine viel zu große Rolle. Die enormen Gefahren werden oft zu leichtfertig weggelächelt. So nach dem Motto „ein Bierchen hat noch keinem geschadet“ oder „auf einem Bein kann Mann nicht stehen“, wird Alkohol zu einem scheinbar ungefährlichen Späßchen stilisiert. Gerade als Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist es mir daher wichtig, dieses Thema immer wieder anzusprechen. Es darf nicht vergessen werden: Jedes Jahr sterben rund 74.000 Menschen an den direkten Folgen ihres Alkoholkonsums.

Reden wir ehrlich über Alkohol! Nur wenn sich die Gesellschaft einen Spiegel vorhalten lässt, kann sie sich auch wandeln. Auch Politik und Politiker sind Teil der Gesellschaft. Wir definieren uns über die Wählerinnen und Wähler, über ihre Ängste und Sorgen, über ihre Lebensentwürfe und ihre Anliegen für ein gerechtes und gesundes Leben. Und wir erleben gemeinsam einen Wandel. Auch im Bundestag setzen immer mehr Abgeordnete und Beschäftigte auf einen gesunden Lebensstil.

Mentale Revolution

Krankenhauseinweisungen wegen Alkoholvergiftung gehen kontinuierlich zurück, immer mehr Jugendliche trinken gar keinen Alkohol oder trinken bewusst maßvoll. „Komasaufen“ ist nicht mehr cool, stattdessen chillen die Kids heute mit angesagten Trendgetränken – ohne Alkohol. Eine Lebenseinstellung, auch gegen das Gewohnte. Jugendliche wollen sich abgrenzen, wollen anders sein als ihre Eltern und Großeltern. Die heutige Jugend schafft das bravourös. Sie entwickelt sich immer mehr zu guten Vorbildern.

Erinnern wir uns zurück: In den 60er, 70er Jahren wurde selbst im Plenum des Bundestags geraucht, bis die Luft fast gelblich war. Heute sind wir längst rauchfrei. Und heute schauen wir bewusster hin, wenn jemand ein Alkoholproblem hat. Dennoch bleibt es noch ein langer Weg. Denn der Alkohol – so hat es uns die Gesellschaft von klein auf beigebracht – gehört in fast allen Lebenslagen wie selbstverständlich dazu. Ein fataler Irrglaube, der sich in unseren Köpfen festgesetzt hat. Die gesundheitlichen Risiken rücken dadurch in den Hintergrund.

Was wir momentan erleben ist eine mentale Revolution im Umgang mit Alkohol. Ich bin froh darüber, als Drogenbeauftragte diesen Prozess aktiv mitgestalten zu können. Vor wenigen Tagen titelte zum Beispiel die WELT unter dem Stichwort „Trink-Sommer“: „Warum alkoholfreies Bier unsere neue Limonade ist“. Das Umdenken beginnt im Kopf! Und die Umsetzung erfolgt in der Gesellschaft. Alkoholfrei zu Trinken ist inzwischen keine „Notlösung“ mehr sondern modern. Diesen Trend hat die Industrie erkannt und agiert geschickt. Endlich setzen die deutschen Brauer auf das richtige Pferd: alkoholfreies Bier für junge Erwachsene. Fast wöchentlich finden sich in den Getränkemärkten neue Produkte. Nahezu jede Brauerei hat inzwischen alkoholfreies Bier im Portfolio und immer neue Geschmacksrichtungen werden beworben. Selbst eingefleischte Bierliebhaber greifen inzwischen lieber zum alkoholfreien, isotonischen Produkt. Das zeigt: Die jüngere Generation setzt die Trends, die Älteren spricht das an und sie ziehen mit. Aber nicht nur der Markt für alkoholfreies Bier boomt.

Zahl der Limotrinker steigt

Der schrittweise Wandel – weg vom Alkohol, hin zu anderen Getränken – ist auch darin begründet, dass Erfrischungsgetränke heute sehr viel „erwachsener“ geworden sind. Früher standen Limonaden in der Wahrnehmung für „Kindergetränke“. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch ein veritabler Markt entwickelt, der aus der Szene-Gastronomie nicht mehr wegzudenken ist. Ob selbstgemachte Haus-Limo mit Ingwer und frischem Thymian oder abgefüllte Markengetränke mit Geschmacksrichtungen wie Holunder oder Rhabarber, sie alle sprechen eine breite Konsumentenschicht an. Und die Zahl der Limotrinker steigt. Gemeinsam etwas Trinken zu gehen, ist heute längst nicht mehr nur auf Alkohol gemünzt. Der allgemeine Trend nach gesundheitsbewusster Ernährung und sozial- und umweltverträglichem Lebensstil spiegelt sich auch im Umgang mit Getränken wieder.

Sowohl biologisch produzierte Getränke, naturnahe Limonaden oder Fair-Trade gehandelte Erfrischungsgetränke sind mehr denn je „in“. Alleine der Absatz von Fair-Trade Softdrinks hat sich von 2012 bis 2014 fast vervierfacht. Und wenn wir auf die Zahlen zum Pro-Kopf-Verbrauch von alkoholfreien Getränken insgesamt schauen, dann sehen wir einen kontinuierlichen Anstieg. Im Jahr 2014 lag der Pro-Kopf Verbrauch an Erfrischungsgetränken bei rund 120 Litern. Derjenige von Mineralwasser bei knapp 150 Litern. Der Bierkonsum ging hingegen seit 1980 um rund 30 Prozent zurück und lag 2014 bei knapp 107 Litern pro Kopf.

Diese Entwicklung zeigt, dass der gesellschaftliche Wandel den Alkoholkonsum erreicht. Die Verbraucher wissen: Bei Alkohol ist weniger immer mehr! Wir brauchen keine Promille, um fröhlich feiern zu können.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lothar Wieland, Omid Nouripour, Peter Hoeres.

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