Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie. Erich Kästner

Ab ins Besprechungszimmer

Um den Weg von der rechtlichen zur tatsächlichen Gleichstellung zu schaffen, braucht es eine Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse. Die kann nur gelingen, wenn Männer selber Akteure im Gleichstellungsprozess werden.

Das Gleichstellungsparadigma der 1980er- und 1990er-Jahre – sozusagen die Gleichstellungspolitik 1.0 – wollte den Frauen mittels geeigneter Maßnahmen gleiche Chancen zur Teilhabe am (Erwerbs-)Leben verschaffen. Zielgruppe und Akteure der Veränderung sind in dieser Optik die Frauen. Die Männer leisten höchstens einen passiven Beitrag im Sinn von „Platz machen“ und „Frauenförderung nicht behindern“. Diese unilaterale Sichtweise war in dieser Epoche ebenso berechtigt wie erfolgreich, stieß jedoch an die Grenzen der Wirksamkeit.

Gleichstellungspolitik 3.0

Sobald auch Männer zur Zielgruppe von Maßnahmen wurden – beispielsweise bei der Unterstützung in der Wahl geschlechtsuntypischer Berufe oder bei der Förderung von Teilzeitarbeitsstellen –, erweiterte sich die Sichtweise zu einem bilateralen Paradigma, die gegenwärtige Standardpraxis in den staatlichen Gleichstellungsinstitutionen: Weibliche Gleichstellungsprofis entwickeln Projekte für Frauen und Männer – und wundern sich, warum die „Zielgruppe Männer“ oft nicht richtig mitmacht. Denn auch diese Gleichstellungspolitik 2.0 bleibt in ihrem Wirkungsradius begrenzt, wie das gesellschaftliche Realexperiment Gleichstellung heute zeigt. Als Zielgruppe aufgefordert zu sein, tatsächliche oder vermeintliche Privilegien abzugeben, reicht nicht, damit Männer Gleichstellung zum eigenen Anliegen machen und Leidenschaft dafür entwickeln. Auch das Konzept des Gender-Mainstreamings stößt hier an seine Grenzen, weil es zwar geschlechterübergreifend konzipiert, in der Praxis dann aber nicht in der Lage ist, die Männer zu einem mehr als lauwarmen Engagement zu bewegen.

Damit gleichstellungspolitische Veränderungen in einem umfassenden Sinn wirksam werden können, braucht es deshalb ein neues Paradigma, das Männer nicht nur als „abhängige Variable“, sondern als eigenständige Größe wahr- und ernst nimmt. Was jeder Paartherapeut und jede Paartherapeutin für Geschlechterbeziehungen bestätigen könnte, gilt auch für die Geschlechterpolitik: Es braucht die intrinsisch motivierte Mitwirkung beider ebenso, wie das Anerkennen ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, damit Entwicklung möglich wird. Gleichstellungspolitik 3.0 basiert deshalb auf einem relationalen Paradigma: Sie widmet sich sowohl den Lebenslagen und –chancen von Frauen und Männern wie auch den Geschlechterbeziehungen und –verhältnissen, dem Geschlechterdialog. Das ist die Basis für die einvernehmliche Aushandlung eines neuen „Geschlechtervertrags“.

Weg von der Benachteiligungsdebatte

Relationale Gleichstellungspolitik steht auf drei gleichwertigen Säulen: Männerpolitik, Frauenpolitik und Geschlechterdialog, mit jeweils entsprechenden Maßnahmen. Männerpolitik wird dabei als gleichzeitig eigenständiges wie auch verbundenes Element gedacht. Bildlich gesprochen: Gleichstellungspolitik kann man sich als Bürogemeinschaft mit einem Frauenraum, einem Männerraum und einem gemeinsamen Besprechungszimmer vorstellen. Diesen Entwicklungsschritt zu forcieren ist der Beitrag der gleichstellungspolitischen Jungen-, Männer- und Väterpolitik, die dadurch Provokation und Impuls gleichermaßen ist. Sie weist somit den Weg aus einer unfruchtbaren Benachteiligungsdebatte – hin zu Politikansätzen, welche auf der Chancengleichheit als gemeinsamem Fundament (geschlechts-)spezifischer Teilstrategien beruhen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Nils Pickert, Eckhard Kuhla.

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