Auch die besessensten Vegetarier beißen nicht gern ins Gras. Joachim Ringelnatz

Zu hoch gepokert

Der Grexit hätte fatale Folgen: Zahlungsunfähigkeit und soziale Unruhen in Griechenland wären vorprogrammiert. Und doch: Syrizas Drohgebärden machen den Austritt unvermeidlich.

Manchmal, morgens bei Kaffee und Zeitung, kann dem Privatmann Markus Sievers schon mal die Galle hochkommen. Besonders häufig geschieht das in den letzten Tagen, da mit der neuen griechischen Regierung über die Fortsetzung der Hilfsprogramme verhandelt wird. Das kann doch nicht angehen, denkt Markus dann, da ziehen griechische Politiker und Medien über Staaten her, die verantwortungsvoller gewirtschaftet haben, da werden in einer Parteizeitung der Syriza Wolfgang Schäuble die Worte in den Mund gelegt: „Wir bestehen darauf, Seife aus Eurem Fett zu machen“, und Alexis Tsipras bezeichnete das Programm der Troika als „sozialen Holocaust“. Das ist frech, ist hochpolemisch, vor allem aber ist das – übelster historischer Relativismus.

Der Fondsmanager Markus Sievers muss dagegen kühlen Kopf bewahren, und sich der Wut erwehren. Keine Frage – die Bevölkerung Griechenlands hat in den vergangenen fünf Jahren schwer gelitten, Menschen haben ihre Jobs, Pensionen, Krankenversicherungen verloren, die Kindersterblichkeit stieg. Und das europäische Projekt, das uns über sieben Dekaden eine Zeit des Friedens und steigenden Wohlstands beschert hat, ist dem Fondsmanager mindestens ebenso ans Herz gewachsen wie dem Privatmann. Manager Sievers hat sich dem etwas lapidar „Grexit“ betitelten Euro-Ausstieg der Griechen lange vehement entgegengestellt. Privatmann Markus erinnert sich derweil an schöne Stunden in der Innenstadt von Athen: Springbrunnen und Palmen, Marmor, malerische Cafés. Die Innenstadt seiner Heimat Dortmund kann da nicht mithalten. An vielen Ecken fehlt das Geld für längst fällige Investitionen. Für Mensch und Steuerzahler ist die Sache klar: Griechenland hat seine Schulden zu tilgen!

So oder so: Das Geld ist futsch

Denn das griechenlandfreundliche Einstiegsgeschenk zur Einführung des Euro waren niedrige Zinsen auf Staatsanleihen. Waren zuvor im Schnitt 10 Prozent p.a. an Zinsen aufzubringen, waren es in den 10 Jahren nach Einführung des Euros nur etwa 5 Prozent. Doch anstatt die Gunst der Stunde zu nutzen und im europäischen Vergleich die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, hat man jahreslang weit über die eigenen Verhältnisse gelebt. Statt Abbau von Bürokratie und Strukturreformen gab es Vetternwirtschaft und soziale Geschenke an die Bevölkerung. Niemand, denkt Markus, hat Griechenland gezwungen, die Verschuldung immer exzessiver zu gestalten. Nicht die Geldgeber sind schuld, wenn der Schuldner nicht mehr zahlen kann. Was also nun? Na, raus aus dem Euro, her mit der Drachme! Vielleicht bietet das ja die Chance eines Neuanfangs. Die geschätzte Abwertung in einer Größenordnung von 60 bis 80 Prozent würde Griechenland wettbewerbsfähiger machen. Export und Tourismus profitieren. Schließlich hat Griechenland einen starken Dienstleistungssektor, der mehr als 2/3 der Wirtschaftsleistung ausmacht.

Doch der Fondsmanager Sievers muss an dieser Stelle intervenieren. Kommt es in den derzeit hitzig ablaufenden Debatten um Schuldenschnitt oder Umschuldung nicht zu einer Einigung, könnte die Sache durchaus vertrackt werden. Schon Ende Februar wäre Griechenland zahlungsunfähig. Kein Geld für Löhne und Pensionen. Der öffentliche Sektor würde zusammenbrechen. Soziale Unruhen wären sicher die Folge. Gerade unter den Menschen, die tatsächlich von staatlicher Hilfe abhängen, unter Kindern, Alten, Kranken, wäre mit großen Nöten zu rechnen. Und dem ursprünglichen Ziel der ganzen Übung, einem Plan, wie über eine gewisse Zeitspanne eine tatsächliche Reduktion der griechischen Schuldenlast gelingen kann, wäre man keinen Schritt näher. Bei Privatmann und Manager macht sich immer mehr der Eindruck breit: Das Geld ist futsch.

Ist diese ausweglose Lage vielleicht das, was die Griechen wollten, als sie Syriza und ihr europafeindliches Programm an die Macht gewählt haben? Wollte man hoch pokern, und gewinnen? Also nicht raus aus dem Euro, sondern Drohpotenzial aufbauen, die alten Schulden gestrichen bekommen, um neue aufzunehmen? Damit es dann weitergehen kann wie früher? Na, denkt der Fondsmanager, wenn das mal nicht Investoren ebenso verschreckt wie Touristen.

Syriza stärkt im Kampf gegen die Oligarchen: die Oligarchen

Den Privatmann Markus, dem es mittlerweile gelungen ist, sich von Nazivergleichen und ähnlichen Attacken nicht mehr aufregen zu lassen, die er nachsichtig als traurige Begleiterscheinung einer angespannten Lage abzutun bereit ist, bringt derweil ein Gedanke so sehr auf die Palme, dass ihm gar der Kaffee nicht mehr schmecken will: Mal vorausgesetzt, dass die Griechen ihre linke Regierung in bestem Vertrauen auf deren soziale Versprechen gewählt haben, wie kann es sein, dass die Politik der Syriza dann gerade die Reichen bevorteilt? Längst haben die Vermögenden in den letzten Monaten ihre Euros von den griechischen getrennt und über die Grenze gebracht. Nach Einführung einer neuen Währung mit ihrem wahrscheinlich dramatischen Verfall werden die Reichen einen starken Euro haben und unglaublich preiswert zu griechischen Vermögenswerten kommen.

Griechische Unternehmen haben zuletzt rund 70 Prozent ihres Börsenwertes verloren. Wahrscheinlich würde der Grexit weitere Verluste mit sich bringen und es gäbe dann echte Schnäppchen mit großen Gewinnmöglichkeiten zu machen. Aber eben nur für Wohlhabende. So würde dann Syriza, die doch der Oligarchie den Kampf angesagt hat, die Oligarchen stärken.

Hier mag der Fondsmanager Sievers dem Privatmann Markus nicht mehr widersprechen. Auch wenn ein europaweit abgestimmter vernünftiger Plan zur Abzahlung der Schulden immer noch das Ideal darstellt, ist der „Grexit“ wohl nicht zu vermeiden. Doch sollte es zum Ausstieg kommen, muss dieser geordnet über die Bühne gehen. Denn über den Tellerrand Griechenlands geschaut, steht die Währungsunion bei einem Austritt vor vielen neuen Fragestellungen. Schließlich sieht die Euro-Architektur einen Austritt nicht vor. Die Börse wird sicher nervös. Aber kommt es zum Absturz? Sicher kann man das nicht sagen. Ich glaube, sagt Markus Sievers, Manager und Privatmann nun einig und mit sich im Reinen, dass der Austritt Griechenlands heute nicht mehr die Folgen haben muss, die er 2011 gehabt hätte. Schließlich zeigt die EWU auch mit unseren südlichen Partnern eine große Geschlossenheit gegenüber den Forderungen der neuen griechischen Regierung. Tsipras hat vergeblich gehofft, Verbündete zu finden. Und das sollten auch die Börsen und die Bevölkerung anderer zu stark verschuldeter Länder registrieren. Die Botschaft: Die Wahl von europafeindlichen Politikern führt nicht dazu, dass Schulden einfach gestrichen werden. Geschenkt wird nichts!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Volker Wissing, Markus Söder.

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