Hochbrisant

von Markus Sievers31.10.2014Wirtschaft

Die Kurse von Staatsanleihen sind einmalig hoch. Die Staatsverschuldung jedoch auch. Das könnte eine der größten Blasen der Finanzgeschichte sein. Platzt sie, verlieren vor allem Deutsche viel Vermögen.

Der amerikanischen Ratingagentur Fitch zufolge beliefen sich die weltweiten Staatsschulden 2013 auf 58 Billionen Dollar. In den nächsten vier Jahren werden diese Schulden laut Schätzungen noch auf 67 Billionen Dollar steigen. Zum Vergleich: Der Wert aller weltweit erstellten Waren und Dienstleistungen beträgt 76 Billionen Dollar für das Jahr 2014. Man sieht: Staatsschulden und der Betrag der jährlichen globale Wertschöpfung nähern sich bedrohlich einander an.

Dabei schlummern in den verbrieften Staatsschulden, den Staatsanleihen, teilweise erhebliche Risiken. Erst 2011 liefen die Kurse von griechischen, spanischen und portugiesischen Bonds derart aus dem Ruder, dass aller Wahrscheinlichkeit nach nur durch das beherzte Eingreifen der europäischen Zentralbank in diesen Staaten eine Staatspleite verhindert werden konnte. Seit der EZB-Präsident Draghi verkündet hat, „alles zu tun, um den Euro zu retten“, drehte sich die Entwicklung wieder komplett um. Die Zinsen für Staatsanleihen sinken und deren Preise steigen in geradezu beängstigende Höhen, denn bei Anleihen laufen Zinsen und Kurse in entgegengesetzter Richtung. Für die Finanzmärkte – und damit auch für die Volkswirtschaften –, ist diese Entwicklung hochbrisant.

Staatsanleihen = Probleme

Die sich aus überhitzten Anleihemärkten für die private Kapitalanlage ergebenden Risiken lassen sich anschaulich anhand von Mischfonds erklären. Diese Anlageform ist in den letzten Jahren äußerst beliebt geworden, da sie im Vergleich zu den während der Finanzkrise und phasenweise auch in den geopolitischen Verwerfungen der letzten Jahre unberechenbar gewordenen Aktienmärkten eine stabile Wertentwicklung zeigten. In der Folge haben alleine die deutschen Anleger 159 Milliarden Euro in Mischfonds angelegt. Alleine für das erste Halbjahr 2014 verzeichneten Mischfonds in Deutschland einen Mittelzufluss von elf Milliarden Euro.

Damit avancieren sie zur mittlerweile beliebtesten Anlageform der deutschen Privatanleger. Mischfonds haben die Freiheit, sowohl Aktien-, Anleihen- und Cashpositionen einzugehen. Das macht sie zwar weniger ertragreich als reine Aktienfonds, aber in Zeiten unsicherer Börsen verzichten die Anleger gerne auf Rendite, wenn dadurch die Sicherheit steigt. Im Mischfonds stellen dabei die Staatsanleihen den Teil der Kapitalanlage dar, der für Stabilität sorgen soll. Mit ihrer Hilfe sollen Kursschwankungen des Portfolios in einem Rahmen gehalten werden, der deutlich unter dem von reinen Aktieninvestments liegt. Doch genau hier beginnt das Problem.

Die Renditen – also die zeitgewichtete Summe aus den anfallenden Zinserträgen und der zumeist negativen Kursdifferenz zwischen heutigem Kurs und Rückzahlungskurs bei Endfälligkeit einer Anleihe – sind derart niedrig, dass sie bei guten Bonitäten, also relativ sicheren Staaten, mittlerweile unter dem Inflationsniveau liegen. Das heißt, die einzige Sicherheit besteht darin, dass der Anleger sicher Kaufkraft und damit Geld verliert.

Diskriminierte Alternativen

Anleihen mit einer Rendite, die über der Inflationsrate liegt, sind indes nur noch von solchen Ländern erhältlich, um deren Bonität es nicht sonderlich gut bestellt ist. Zudem stellen die hohen Kurswerte von Anleihen eine weitere Bedrohung für Mischfondsportfolios dar. Und besonders beunruhigend: Niemand weiß, ob die in der Geschichte der Finanzmärkte einmalig hohen Kurswerte der Staatsanleihen nicht Zeichen einer Spekulationsblase sind – angesichts der Größenordnung der Staatsverschuldung eine der größten Blasen der Finanzgeschichte. Würde sie platzen, dann würde die derzeit beliebteste Anlageform der Deutschen erhebliche Verluste verzeichnen.

Ein verantwortungsvoll handelnder Mischfonds kann daher konsequent zu Ende gedacht zumindest nicht mehr in gewohntem Umfang in Staatsanleihen investieren, da die Sicherheitsfunktion nicht mehr in dem Maße gegeben ist, wie es erforderlich wäre. Dennoch sind in den meisten Mischfonds weiterhin hohe Anleihepositionen – in der Spitze bis zu knapp unter 100 Prozent – zu verzeichnen. Dabei gäbe es eine vernünftige Alternative zur Erhöhung der Sicherheit von Mischfonds. Statt Staatsanleihen könnte man Bausteine, die auch bei fallenden Kursen Erträge erwirtschaften, einsetzen. Es gibt diese in zwei Versionen: Als sogenannte Short- oder Long-Short-Produkte. Diese jedoch sind der heute sehr negativ besetzten Kategorie Hedgefonds zuzuschlagen – eine Anlageform, die in Europa von der Politik regelmäßig diskriminiert wird. Leider, denn es ist wichtig, ein Instrumentarium in der Hand zu haben, das Anleger vor platzenden Blasen wirkungsvoll schützt. Das gilt gleichfalls für Aktien- wie für die Anleihenmärkte.

Mit zweierlei Maß

Die Staatsanleihe stellt kein solches Instrument mehr dar. Denn im Fall von Anleihen sind Staaten von ihrem Eigeninteresse, sich günstig verschulden zu können, geblendet. Es liegt im Interesse der Staaten, für ihre Schulden möglichst wenig (Zinsen) zu zahlen. Die Staaten geben den Ordnungsrahmen für ihre eigenen Staatsanleihen vor. Gegenüber dem Rest der Finanzbranche wird daher mit zweierlei Maß gemessen. So sehen die gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Beispiel vor, dass Banken und Pensionskassen für Finanzgeschäfte wie Aktien- oder Hedgefondskäufe bis zu 50 Prozent Eigenkapital hinterlegen müssen, für den Kauf von Staatsanleihen aber so gut wie nichts.

Das ist ein weiterer Grund dafür, dass sich der Anleihenmarkt so stark erhitzt hat. Mit den oben beschrieben Folgen für die deutschen Privatanleger. Verbessert würde die Situation zumindest in Teilen, wenn Staatsanleihen mit höheren Eigenkapitalquoten unterlegt werden müssten und die Politik anfinge zu akzeptieren, dass das Setzen auf fallende Kurse eine stabilisierende Wirkung auf die Märkte hat und so mithilft, Blasenbildungen zu verhindern.

In diese Richtung weiterzudenken ist von großer Bedeutung. Staatsanleihen sind nicht einfach ein segensreiches Instrument, sondern ebnen auch den Weg in unverantwortliches Verhalten gegenüber den Vermögensverhältnissen der heutigen und nachfolgende Generationen. Nachdem viele westliche Industrienationen 25 Jahre lang über ihre Verhältnisse gelebt haben, wäre es auch mal an der Zeit, Schulden zurückzuführen, statt immer neue aufzunehmen.

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