Dies ist keine Heuschrecke

von Markus Sievers17.04.2015Außenpolitik, Medien, Wirtschaft

Das Gerede über Hedgefonds als Heuschrecken ist nicht nur falsch – es ist fatal. Statt populistischer Panikmache der Medien brauchen wir eine nüchterne Debatte über die wahren Probleme.

Ein runder Geburtstag: Genau heute jährt sich zum zehnten Mal Franz Münteferings verhängnisvoller „Tag der Heuschrecke“. Ein kleines Interview in der „Bild am Sonntag“ am 17. April 2005 hatte eine weitreichende Wirkung, die sich wohl auch der Interviewte in dieser Form niemals hätte träumen lassen: Müntes drastischer und grafisch einprägsamer Angriff auf „manche Finanzinvestoren“, die „wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen“ herfallen, prägt bis heute alle Debatten zur 2005 sich kaum am Horizont abzeichnenden großen Finanzkrise, zur Finanzmarktregulierung sowie insbesondere zum Thema Hedgefonds.

Die deutschlandweite Presse hat es sich nicht nehmen lassen, dem seit Jahrtausenden für Stabreime anfälligen teutonischen Ohr eine eingängige Dreifachalliteration zu schmieden, und seitdem spricht man besonders gerne im Zusammenhang mit dem von Müntefering geprägten Heuschreckenbegriff von „hochrisikoreichen, hochspekulativen Hedgefonds“ in allen Variationen. Ließen sich derartige Kombinationen vor dem 17. April 2005 kaum über Google auffinden, sind sie heute allgegenwärtig. Die erste und wichtigste Lektion zum zehnten Jahrestag von Münteferings Tag der Heuschrecke: Politische Debatte prägt man über eingängige Begriffe, nicht über Fakten und differenzierte Auseinandersetzung.

Denn weder hat Müntefering gesagt, was ihm in den Mund gelegt wird, noch haben jene, die das dreifache _H_ im Munde führen, begriffen, worüber sie eigentlich reden. Hedgefonds und Heuschrecken gleichermaßen tut die desinformierte Öffentlichkeit Unrecht. Warum hat sich Greenpeace der Sache noch nicht angenommen?

Die Heuschreckenmetapher passt nicht

Drehen wir doch das Rad der Zeit ein wenig zurück. Worüber hat denn Münte 2005 tatsächlich gesprochen? Aufgebracht hatte den Sozialdemokraten der Fall Grohe: Ein Private Equity Fonds hatte den Armaturenhersteller aus Müntes Heimat, dem Sauerland, nicht – wie zunächst geplant – an die Börse gebracht, sondern an andere Finanzinvestoren weiterverkauft.

Der SPD-Chef kritisierte seinerzeit das Geschäftsmodell von Private Equity Fonds, welche durch geschickte Ankäufe die (Aktien-)Mehrheit eines Unternehmens übernehmen, um dieses anschließend gewinnbringend zu verkaufen und das gegebenenfalls in seinen Einzelteilen. Darüber ließe sich sicherlich trefflich streiten, doch um Hedgefonds ging es in Münteferings „Heuschrecken-Interview“ nie. Diese haben mit der Zerschlagung von Unternehmen nichts zu tun. Ein Hedgefonds will unabhängig von alleinigen Aktien-Aufwärtsbewegungen Geld verdienen. _Den_ Hedgefonds gibt es dabei nicht. Im Gegenteil: Diese Anlage-Klasse ist extrem heterogen und besteht aus vielen unterschiedlichen Strategien. Die bekannteste dabei ist, auf fallende Kurse zu setzen, überbewertete Aktien zu leihen, verkaufen, niedrig zurückkaufen und durch die Spanne zwischen Ursprungs- und späterem Kurs einen Gewinn realisieren.

Die Heuschreckenmetapher passt nicht. Und auch die 2007 sichtbar werdende Finanzkrise war keine Krise der Hedgefonds: Damals wurde ein überhitzter Immobilienmarkt durch Finanzmarktprodukte, die die Marktsituation geschickt verschleierten, weiter angeheizt. Das Platzen der Blase

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