Der Promi-Malus

Markus Roscher6.09.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Strafsache Kachelmann zeigt deutlich: Es gibt keinen Promibonus, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Durch die mediale Aufmerksamkeit leidet neben der sachlichen Diskussion auch die Unschuldsvermutung.

Die Kunst des guten Strafverteidigers liegt oft darin, in vertraulichen Gesprächen mit Richtern und Staatsanwälten fernab des nahenden Prozesses gute (und natürlich auch milde) Ergebnisse vorzubereiten. Oft münden diese Gespräche in einem “Deal”, der sowohl der Justiz als auch dem Beschuldigten zu einem maßvollen und gerechten Ergebnis verhilft. Voraussetzung ist nicht nur die absolute Vertraulichkeit, sondern auch eine Atmosphäre der Sachlichkeit, die bei Juristen im Grunde in der Berufsordnung tief verankert ist.

Medien untergraben die Sachlichkeit

Doch leider wird diese sachliche Atmosphäre allzu oft durch die Medien unterminiert. Insbesondere Zeitungen mit recht geringem intellektuellen Faktor, dafür aber umso größeren Bildern tragen zu einer unerträglichen Vorverurteilung der Betroffenen bei. Und die Menge freut es, sich nach dem Sankt-Florians-Prinzip zu amüsieren: “Das hat der Promi jetzt davon!” Je höher der Promi angesiedelt ist, desto spektakulärer und interessanter sein Sturz. Viele Zeitungen bedienen sich oft niedrigster menschlicher Regungen, wobei Missgunst, Schadenfreude und Gehässigkeit noch die harmloseren sind. Ganze Rechtsabteilungen von Medienrechtlern feilen an Überschriften und Inhalten, die haarscharf an dem Straftatbestand der Verleumdung vorbeigehen. “Ist Jörg Kachelmann ein Vergewaltiger?” Bereits diese (noch harmlosere) Fragestellung in einer Überschrift möchte wohl niemand in Zusammenhang mit seinem Namen in einer Zeitung sehen. Einer solchen Frage kann man nicht entrinnen, denn sie beinhaltet zu 50 Prozent die Antwort: ja! Und dieses Verhältnis steht in einem krassen Widerspruch zur Unschuldsvermutung, die nach Art. 6 Abs. 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention jedem Menschen so lange zugebilligt werden muss, bis er verurteilt wurde. Überhaupt empfiehlt es sich, jeden Journalisten vor der Erstellung seines ersten Artikels die Lektüre des Art. 6 (EMRK) über ein faires Verfahren einmal angedeihen zu lassen. Vielen Sensationsreportern würde es wahrscheinlich – sofern noch vorhanden – die Schamröte ins Gesicht treiben. Der Fall Kachelmann zeigt auch Tendenzen, die man schon im Strafverfahren gegen Ex-Post-Chef Zumwinkel sehen konnte: Justiz und Medien fanden sich in einer Art Allianz zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort ein, nämlich direkt vor der Wohnung des verdutzten Managers, in der an diesem Morgen die Herrschaften von der Staatsanwaltschaft auf Schatzsuche gingen. “Achtung! Kamera läuft!”

Achtung, Kamera läuft!

Plötzlich wird der zuweilen graue Alltag eines Justizbediensteten zu einer TV-Show. Und wenn man vor der Kamera erscheint, will jeder eine gute Figur machen. Langweilige Kommentare wie “Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen” und “Man möchte dem Verfahren nicht vorgreifen” öden die sensationslüsterne Gesellschaft doch nur an. Denn – und das müssen wir uns alle fragen – sind es nicht wir, die diesem “Prozess” durch unser Verlangen nach interessanten Nachrichten Vorschub leisten? Was wäre schon interessant daran, dass “vielleicht” etwas eintritt? So wird eben aus dem Verdacht einer Straftat die sichere Wahrscheinlichkeit bis hin zur Sicherheit. Es bleibt zu hoffen, dass diese nahezu nicht justiziablen Verhaltensweisen der Medien, gerade in Bezug auf prominente Beschuldigte, keinen Einfluss auf die richterliche Unabhängigkeit haben. Unser Rechtssystem hat jedenfalls die Stellung der Richter entsprechend gestaltet, sodass auch zukünftig zu hoffen ist, dass die Medien in erster Linie das liefern, was man von ihnen erwartet: Nachrichten und Berichterstattung.

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