Pegida – ein Nachruf

von Markus Rhomberg17.03.2015Innenpolitik

Pegida hat sich mittlerweile in den Medien überlebt. Dennoch müssen Medien, Politik und Wissenschaft aus ihren Fehlern im Umgang mit dieser Bewegung lernen – sonst droht die Wiederholung.

War es der Schmähruf der „Lügenpresse“, der die Medien so provoziert und dazu gebracht hat, mediale Aufmerksamkeit ins fast Unermessliche zu steigern? Wenn dem so ist, dann haben die Strategen bei Pegida fast alles richtig gemacht. Denn insbesondere das mediale Feuer hat ihre Sympathisanten in den kalten Winternächten in Dresden und in anderen Städten gewärmt. Der Großteil der Medien hat mitgespielt, mediale und Protesterregung schaukelten sich hoch. Nur wenige haben sich mit den Pegida-Argumenten auseinandergesetzt. Zugegeben, es ist schwer, sich mit Statistik-Verweigerern argumentativ auseinanderzusetzen. Aber auch das hätte ein Thema sein können.

Ihre Unsicherheit, den richtigen Grad der Auseinandersetzung mit Pegida zu finden, zeigte auch die Politik. Die Kanzlerin versuchte es mit Abgrenzung („Folgen Sie denen nicht“), die SPD zunächst mit Ausgrenzung und später mit Diskussion. SPD-Chef Sigmar Gabriel musste sich zwar Schelte von innen und außen anhören, sein Versuch, Pegida in Argumente zu verstricken und die Akteure in diskussionswürdige und nicht-diskussionswürdige zu trennen, hat die Organisation Pegida vermutlich selbst implodieren lassen.

Mit Ruhm bekleckert hat sich auch die Wissenschaft nicht. Angetrieben vom medialen Hype, haben sich auch Forscher auf die Straße gewagt, um zu eruieren, was die Pegida-Demonstranten antreibt und welchen Milieus diese entspringen. Der lobenswerte Versuch, aktuelle und gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen, hat der Forschung mal wieder gezeigt, dass ihr die Instrumente und die Köpfe dazu fehlen.

Gefahr des Unverständnisses

Ist das Ende von Pegida aber nun das Ende der Berichterstattung über eine bürgerliche Ausländerfeindlichkeit, mit all den Erklärungsproblemen für Politik und Wissenschaft? Oder erleben wir das Ende der medialen Aufmerksamkeit für ein Problem, das älter ist als Pegida selbst und auch einen möglichen endgültigen Tod der Dresdner Proteste überleben wird? Offenbar taugen weder die Zahl der Pegida-Demonstranten noch die mediale Aufmerksamkeit, die ihrem Anliegen zuteil wird, als Seismograph für die Schwere und Dringlichkeit eines gesellschaftlichen Problems. Auch darf das nachlassende Medieninteresse nicht mit der Bewältigung des Problems verwechselt werden.

Dass Medien Probleme verändern, indem sie sie aufgreifen, ist ein alter Hut. Dass medial befeuerte Debatten Wissenschaft und Politik dazu bringen, schnell und manchmal auch vorschnell Stellung zu beziehen, ebenfalls. Was am „Fall Pegida“ zu denken geben sollte, ist, dass er in Reinkultur ein Muster vorführt, in dem ein im Wechselspiel zwischen klassischen und neuen Medien erzeugter Empörungszusammenhang eine vielstimmige und lärmende Sprachlosigkeit nach sich zieht. Die dann, wenn die stetig kürzer werdende Halbwertszeit medialer Aufmerksamkeit überschritten ist und in den Berliner Talkshowstudios und auf Twitterfeeds längst wieder über anderes gestritten wird, allgemeine Ratlosigkeit und diskreditierte _Experten_ aus Wissenschaft und Politik zurücklässt.

So lange ernst zu nehmende und besorgniserregende gesellschaftliche Prozesse wie Pegida im Modus der schnellen Folge _herbeigerufener Geister_ und _rechtschaffener Nachrufe_ verhandelt werden, bleibt die Gefahr, dass sie letztlich unverstanden bleiben müssen.

_Der Beitrag ist Teil einer Kooperation mit der Zeppelin Universität und wurde zusammen mit Dr. Alexander Ruser, akademischer Mitarbeiter am Karl-Mannheim-Lehrstuhl für Kulturwissenschaften, verfasst._

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