Der Mann deiner Träume

von Markus Müller14.03.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Am Sonntag wird Joachim Gauck – aller Voraussicht nach – zum Präsidenten gewählt. Aufgrund der hohen Erwartungen steckt der Konsenskandidat allerdings in einem Dilemma.

Im Kapitalismus ist niemand klüger als der Markt, in der Demokratie niemand weiser als das Volk. Diese Variation auf einen Kernsatz der Ökonomie drängt sich angesichts des besten Wahlergebnisses eines Bundespräsidenten aller Zeiten auf – dieses Spitzenergebnis dürfen wir für kommenden Sonntag erwarten. Doch was wird aus dem Bürgerpräsidenten Gauck nach seiner Wahl?

Quadratur des Kreises

Fast ist man geneigt, eine Entwicklung hin zu einer Volkswahl des Bundespräsidenten zu wähnen. Doch noch ist es nicht so weit. Joachim Gauck ist vom “Präsidenten der Herzen”:http://www.theeuropean.de/wolfram-weimer/10091-der-anti-linke-gauck zum Kandidaten der politischen Klasse geworden. Er hat es wirklich geschafft, trotz oder gerade wegen allen Taktierens sämtlicher politischer Akteure auf Bundesebene. Die Opposition präsentierte ihn einst als fulminante Überraschung im traditionellen Kandidatenpoker der Bundespräsidentenwahl. Die FDP entdeckte kürzlich seinen Liberalismus und nutzte ihn zur Verhinderung deutlich unattraktiverer Alternativen. Und der Union blieb nichts anderes übrig, als den gefühlten Liebling des Wahlvolks nun doch noch zu akzeptieren. Nun steckt Joachim Gauck in einem Dilemma. Wer mit so viel Zustimmung und Jubel startet, der kann sein Volk kaum noch überraschen. Nun muss ihm die Quadratur des Kreises gelingen. Einerseits soll er niemanden verprellen, denn alle sind glücklich mit ihm. Andererseits soll er Impulse setzen und Maßgebliches sagen. Phrasen werden bei ihm besonders auffallen. Im größten Sieg ist der Keim der Niederlage meist schon angelegt; das könnte hier leicht zutreffen.

Papst, Queen und Dalai Lama

Bundespräsidenten waren schon immer die Projektionsfläche eines diffusen Politikideals. Integrieren, moralisch führen, Impulse für die Regierung setzen, die Nation im Ausland repräsentieren, kluge Ideen verbreiten, kurz: Papst, Queen und Dalai Lama in Personalunion. Freilich müssen auch sein Lebenswandel bis zurück in Jugendtage und seine letzte Steuererklärung tadellos sein. Das Anforderungsprofil eines Bundespräsidenten bringt eine geradezu religiöse Erlösungserwartung zum Ausdruck. Ist es da ein Wunder, dass es nun endlich einen Theologen getroffen hat? Die Deutschen mögen in Scharen aus der Kirche austreten, an dem Bedürfnis nach einem charismatischen Helden an der Spitze, über der Tagespolitik, ändert das nichts. Dem neuen Bundespräsidenten ist zu wünschen, dass ihm ein zweites Mal nach der friedlichen Revolution 1989 die Balance zwischen Überparteilichkeit, Substanz und Transzendenz gelinge.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die Nominierung von Ursula von der Leyen ist ein Taschenspielertrick

"Die Nominierung von Ursula von der Leyen ist ein Taschenspielertrick. Damit wurde die Demokratie verletzt. Die Regierungschefs versuchen immer, aus der EU einen Regierungsföderalismus zu machen, was mir überhaupt nicht gefällt. Da kommen sich die Wählerinnen und Wähler mindestens veralbert vor

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu