Wenn die Welt nicht so ist, wie ich sie will, dann verwehre ich mich ihr. Irvine Welsh

Eine griechische Tragödie

Papandreous Schachzüge der letzten Woche offenbaren Chuzpe. Er hat das Dilemma der Griechen offen dargelegt: Gegen das eigene Volk lässt sich nicht regieren – und mit ihm auch nicht. Das Happy End wird ausbleiben.

„Schelte für den Schurken“ überschrieb eine führende deutsche Tageszeitung ihren Beitrag zum Thema Papandreou und die ursprünglich geplante Volksabstimmung zur Euro-Rettung. Dabei handelte es sich um einen der interessantesten politischen Streiche, den man in jüngerer Vergangenheit in der Politik gesehen hat. Daran ändert auch nichts, dass er den Helden des Dramas den Kopf gekostet hat.

Alles außer Happy End

Wie in der klassischen Tragödie verhindert die Zwangsläufigkeit der Handlungslogik ein Happy End. Dabei hätte Papandreou eigentlich einen Preis für seine Idee verdient, die Wahl zwischen Pest und Cholera, um die in Griechenland niemand herum kommen wird, in die Hände des Volkes zu legen. Ob mit Teilschuldenerlass der Banken oder ohne, die Schuldenlast Griechenlands ist angesichts der realistischen wirtschaftlichen Wachstumspotenziale so erdrückend, dass die griechische Regierung auf praktisch allen Politikfeldern auf Jahre hinaus unter Kuratel des EFSF stehen wird. Die Zustimmung zum Rettungspaket kommt einer Erklärung zum Souveränitätsverzicht gleich, zumindest aus der Sicht eines Regierungschefs.

Zugegeben: Die Situation ist im Wesentlichen selbst verschuldet und mit diesem faktischen Souveränitätsverzicht lebt die griechische Regierung schon seit 2010. Doch der neue EFSF stellt zumindest symbolisch eine Zäsur dar.

“Der Kaiser ist ja nackt!”

Die Wut europäischer Regierungschefs angesichts dieses Coups mit dem Referendum war verständlich. Papandreou hatte gleich einem Akt des politischen Mobbings den europäischen Regierungschefs den G20-Gipfel in Cannes ruiniert. Tatsächlich hat er aber nur das Dilemma transparent gemacht, in dem jede griechische Regierung von nun an stecken wird. Dass er das Volk ernst nahm als Souverän für eine so weit reichende Entscheidung, kann man ihm nicht übel nehmen, unabhängig davon, ob das der richtige Zeitpunkt war und welche anderen Motive noch eine Rolle spielen mögen.

Der Held der klassischen griechischen Tragödie kann nicht entrinnen, und auch Papandreou konnte nicht entrinnen. Gefangen zwischen Scylla und Charybdis, dem “Ja” zum politischen Souveränitätsverzicht und “Nein” zum Euro, wollte er sein Schicksal in die Hände einer höheren Macht legen. Es hatte etwas Transzendentales, um nicht zu sagen Religiöses. Er hat es politisch nicht überlebt, seine Zeitgenossen schwankten zwischen Belächeln und Verfluchen. Dabei hat nur ein großer Junge den Zeigefinger ausgestreckt und gerufen: „Der Kaiser ist ja nackt!“.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Volker Wissing, Markus Söder.

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