Insel des Bildungsbürgertums

von Markus Meckel31.03.2013Gesellschaft & Kultur

Der soziale Raum des Pfarrhauses ist heute ebenso Geschichte wie die DDR. Gerade dort kam der Kirche jedoch eine besondere Rolle zu: Hier wurden Diskursfähigkeiten eingeübt, die man in der Gesellschaft kaum erlernen und erproben konnte.

Das traditionelle deutsche Pfarrhaus gibt es heute immer weniger, die patriarchalische Grundstruktur passt einfach nicht mehr in die Zeit. Vielfach beschrieben war es traditionell das Haus des Gemeindepfarrers, von dessen Beruf alles geprägt wurde, in welchem seine Frau ihm ganz zur Seite stand, immer offen für die Gemeinde – im Grunde für jedermann, der anklopfte. Gleichzeitig war es ein Ort gepflegter Bürgerlichkeit und Sittlichkeit, in welchem Musik eine wichtige Rolle spielte. Durch den Rollenwandel der Frau, die zunehmende Berufstätigkeit auch der Ehepartner des Pfarrers bzw. der Pfarrerin ergibt sich zunehmend auch eine neue Sozialstruktur im Pfarrhaus selbst. Die Diskussion um die Frage, ob auch homosexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus gelebt werden dürfen, ist nur eines der Themen, die den Wandel deutlich machen.

Abgeschottet vom üblichen Druck

Ich selbst bin in der DDR in einem Pfarrhaus groß geworden und bin noch heute sehr dankbar dafür. Durch die besondere gesellschaftliche Rolle von Kirche in einem kommunistischen Staat, spielte das Pfarrhaus hier noch eine bedeutende Rolle.

Entsprechend der herrschenden Ideologie sollten Religion und Kirche zunehmend der Vergangenheit angehören. Der sozialistische Staat wartete aber nicht nur ab, wann das geschieht, sondern sah sich durchaus berufen, dem auch nachzuhelfen – mit durchaus bemerkenswertem Erfolg, wenn man bedenkt, dass heute in Ostdeutschland die Kirchen durchschnittlich nur ein Drittel so viele Mitglieder haben wie im Westen Deutschlands.

Wer in einem Pfarrhaus aufwuchs, lebte also in einer durchaus eigenen, vom Normalen unterschiedenen Welt – ein Stück ausgegrenzt und isoliert auf der einen Seite, gleichzeitig aber damit ein Stück weit auch abgeschottet von dem üblichen Druck, der auf den Menschen lastete. Auch wenn die Gemeinden kleiner wurden, das Pfarrhaus war vielfach das Zentrum der Gemeinde, hier trafen sich die Menschen, die durch ihren christlichen Glauben andere Schwerpunkte in ihrem Leben setzten, als es sonst in der DDR durch Partei und Staat bestimmt war. Bis zu einem gewissen Grad wurde dieses Anderssein auch akzeptiert.

In den Kirchen wurde die Zusammengehörigkeit von Ost und West bewusst gelebt und gepflegt. Jede Gemeinde in der DDR hatte im Westen eine Partnergemeinde – und oft wurde diese Partnerschaft durch vielfache Besuche und Kontakte auch gepflegt. Die Pfarrhäuser waren gewissermaßen bürgerliche Inseln mit eigenen Traditionen und einer nicht von außen geleiteten Gedanken- und Lebenswelt. Nicht zuletzt war das an den oft reichhaltigen und breit angelegten Bibliotheken zu sehen, deren Anteil an westlichen Ausgaben meist recht hoch war. Die kirchlichen Gemeinden und insbesondere die Pfarrhäuser waren nicht nur ein Ort geistiger Freiheit, sondern auch Inseln, in denen ganz selbstverständlich der nationale Zusammenhalt ganz praktisch gelebt und erfahrbar wurde – unabhängig davon, dass wohl die meisten, wie ich selbst, nicht glaubten, jemals die staatliche deutsche Einheit erleben zu können.

Eigentlich während der ganzen DDR-Zeit war es unter Pfarrerskindern nicht üblich, sich an den staatlichen, kommunistisch geprägten Kinder- und Jugendorganisationen wie den Jungen Pionieren und der FDJ zu beteiligen oder auch neben der Konfirmation die Jugendweihe zu machen, obwohl es auch dies immer wieder gab. Wer sich dem verweigerte, hatte aber geringere Ausbildungs- und Aufstiegschancen. Viele Pfarrerskinder machten in der Schule die Erfahrung, immer wieder auch ziemlich allein zu sein und litten unter diesem Druck. Um sich durchzusetzen, mussten sie oft in ihren Leistungen besser sein als die anderen. Trotzdem wurde vielfach die höhere Bildung verweigert. Da es nun aber kirchliche Ausbildungsstätten gab, die ein vom Staat unabhängiges – und vom ihm nicht anerkanntes (!) – Abitur, soziale Berufe und auch ein Theologiestudium ermöglichten, war der Anteil von Pfarrerskindern, die wiederum kirchliche Berufe erlernten, relativ hoch.

Offenheit, die in die Gesellschaft hineinwirkt

Die Kirchen waren die einzigen sich selbst organisierenden Institutionen, auf welche „die Partei“ – damit war immer die SED gemeint, obwohl es ja an ihrer Seite auch die anderen Blockparteien gab – und der Staat keinen unmittelbaren Einfluss hatten. Umso mehr versuchten sie es dann mithilfe der Staatssicherheit, was trotz großen Einsatzes schließlich doch nicht von großen Erfolgen gekrönt war. Hier wurde offen geredet und diskutiert, in den protestantischen Kirchen wurden die Entscheidungen demokratisch getroffen. So wurden hier Verhaltensweisen und Diskursfähigkeiten eingeübt, die man sonst in der Gesellschaft kaum erlernen und erproben konnte. Die Evangelische und auch die Katholische Studentengemeinde entwickelten sich zu Orten, an welchen diese Offenheit auch in die Gesellschaft hineinwirkte. Viele seit Beginn der 1980er-Jahre entstandene emanzipatorische Gruppen, die kritisch gesellschaftliche Fragen thematisierten und nach öffentlichen Aktionsräumen suchten (heute spricht man relativ pauschal von der DDR-Opposition), trafen sich in Pfarrhäusern. Die Pfarrhäuser gehörten – wie die von Künstlern und Ärzten – zu den lebendig gebliebenen Inseln eines Bildungsbürgertums, in denen es eine Praxis gab in selbstständigem Denken, freien Reden und offenem Diskurs. Dies erklärt auch, weshalb 1989/90 so viele engagierte Christen und Pfarrer in der Friedlichen Revolution und danach eine wichtige Rolle spielten.

Dieser so geprägte soziale Raum des evangelischen Pfarrhauses ist – wie die DDR selbst – heute Geschichte. Daran kann nur sehr bedingt angeknüpft werden, da die Gesellschaft heute eine andere ist und viele Funktionen heute anderswo ebenfalls gelebt werden können. Gleichwohl braucht auch heute aktives Gemeindeleben Zentren von Kommunikation, die nicht nur in beruflichen Dienstzeiten wahrgenommen werden. Diese zu gestalten, ist eine Herausforderung neuer Art. Hier wird man nicht unmittelbar an die Tradition des evangelischen Pfarrhauses anknüpfen können.

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