Königshäuser sind Vorreiter der Emanzipation. Julia Melchior

Paneuropäisches Picknick bei Sopron

Der Anfang vom Ende der Berliner Mauer: Am 19. August 1989 gelang mehreren hundert DDR-Bürgern beim „Paneuropäischen Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron die Flucht in den Westen.

Mit einiger Berechtigung lässt sich behaupten, dass das Ende der Berliner Mauer in Ungarn begann. Der Reformflügel der ungarischen Kommunisten hatte im Herbst 1988 damit begonnen, Schritte einzuleiten, die den Eisernen Vorgang durchlässiger machen sollten. Imre Pozsgay, Mitglied im Zentralkomitee und Politbüro der ungarischen Kommunisten, hatte am 26. Oktober 1988 in Györ „die elektronischen Sicherungsanlagen (als) moralisch, technisch und politisch veraltet“ bezeichnet. Innenminister Istvan Horváth hatte zum Jahreswechsel 1989 dem Politbüro vorgeschlagen, die Sicherungsanlagen abzubauen. Als Frist für die Beendigung der Arbeiten wurde der 1. Januar 1991 gesetzt. Am 3. Mai 1989 wurde auf einer internationalen Pressekonferenz in Hegyeshalom vor zweihundert in- und ausländischen Journalisten der Abbau der elektronischen Signalanlagen durch die ungarischen Grenztruppen angekündigt.

Vertragsrechtlich hatte sich die ungarische Regierung sehr geschickt gegenüber der zu erwartenden Kritik aus den „sozialistischen Bruderstaaten“ durch den Beitritt zur Genfer Flüchtlingskonvention abgesichert, der am 12. Juni 1989 wirksam wurde. In Zukunft konnte die Auslieferung von Flüchtlingen aus anderen Ostblockstaaten in ihre Heimat von Ungarn mit dem Hinweis auf die Verpflichtungen aus der Konvention abgelehnt werden.

Ende Juni 1989 hatten vier DDR-Bürger in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Zuflucht gesucht, denen noch viele Tausende folgten. Im August war in Budapest die Botschaft und die Pfarrei des Stadtteils Zugliget, wo ungarische Malteser die DDR-Bürger versorgten, ein großes Flüchtlingslager. Die Flüchtlinge fühlten sich dadurch bestärkt, dass die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn, den „Eisernen Vorhang“ am 27. Juni 1989 demonstrativ, in feierlichem Rahmen zerschnitten. Zu diesem Zeitpunkt war der Abriss der Sicherungsanlagen schon in großem Tempo vorangeschritten.

Am 25. August 1989 durften sie aus Ungarn ausreisen

Die Paneuropa-Union und das oppositionelle Ungarische Demokratische Forum (MDF) luden unter der Schirmherrschaft von Imre Pozsgay und Otto von Habsburg für den 19. August 1989 zum „Picknick“ in der Nähe der ungarischen Grenzstadt Sopron. In Sopron (Ödenburg), einer Stadt mit einer nennenswerten deutschen Minderheit, war die örtliche demokratische Opposition besonders aktiv, die zudem durch die Unterstützung Pozsgays und die unbürokratische Vorgehensweise der korrespondierenden österreichischen Behörden in erstaunlich kurzer Zeit die umfangreichen Vorbereitungen bewältigen konnte. In der Nacht vor dem Picknick, zu dem Pozsgay seinen Sekretär László Vass entsandte und an dem Walburga von Habsburg, die Tochter Ottos von Habsburg und Generalsekretärin der Paneuropa-Union, teilnahm, machten sich mehrere hundert Flüchtlinge aus der DDR, die in Budapest bzw. Zugliget die Entwicklung abgewartet hatten, auf den Weg nach Sopron.

Vor Ort deutete zunächst nichts auf die kommenden Ereignisse hin. Geplant war eine Begegnung zwischen Österreichern und Ungarn. Als die DDR-Flüchtlinge eintrafen, waren die wenigen ungarischen Grenzer unvorbereitet. Das Schloss des alten Grenztores war bereits entfernt, durch das die angemeldeten und auf Namenslisten verzeichneten Picknickteilnehmer die Grenze passieren sollten. Während nun die Papiere kontrolliert wurden, drängte von ungarischer Seite aus eine große Gruppe von DDR-Bürgern auf den Durchgang zu. Der ungarische Grenzkommandeur Arpád Bella entschloss sich, den Grenzübertritt von Ungarn aus zu tolerieren, um zivile Opfer auf jeden Fall zu vermeiden. Diese formale Verletzung seiner Befehle ermöglichte mehreren hunderten Flüchtlingen aus der DDR den Weg in den Westen. Dort halfen die österreichischen Behörden und die deutsche Botschaft in Wien unbürokratisch bei der weiteren Versorgung. Gegen Bella wurde danach disziplinarisch ermittelt, im Zuge des politischen Umschwungs in Ungarn verlief die Untersuchung jedoch im Sande.

Am 25. August 1989 teilte der ungarische Ministerpräsident Miklós Németh der Bundesregierung mit, dass Ungarn die DDR-Bürger ausreisen lassen werde. Am 10. September sagte Außerminister Gyula Horn, dass die Grenzen am kommenden Tag geöffnet werden und die Ausreise „in ein Land ihrer Wahl“ möglich ist. Der mögliche Umweg über Ungarn in den Westen und die sukzessiven Versuche der SED-Regierung, DDR-Bürgern auch diesen Weg zu versperren, trugen dann wesentlich zum Sturz Honeckers und wenige Wochen später zum Fall der Mauer bei.

Bundeskanzler Helmut Kohl kommentierte später vor Ort in Sopron: „Hier verspürt man den Atem der Geschichte. Was hier geschehen ist, hat die Welt verändert“.

Dieser Artikel ist zuerst bei der Konrad-Adenauer-Stiftung erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Weißgerber, Matthias Höhn, Martin Dulig .

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Österreich, Ungarn, Zeitgeschichte

Kolumne

Medium_fb37e95e9c
von Sebastian Sigler
26.08.2018

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
16.04.2018

Gespräch

Medium_9766cfd5b9
meistgelesen / meistkommentiert