Nur mit Gedankenspielen kommen wir der Wahrheit kritisch nahe. Juli Zeh

Die notwendige Plage

Der Ruf von Finanzinvestoren in Deutschland ist schlecht. Zu Unrecht. Heuschrecken sind zwar hungrig – aber eher Nutztiere als Schädlinge.

Abzocker, Firmenjäger, Ausbeuter – das Image von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen ist auch zehn Jahre nach der Attacke des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering mies. Das Bild von der allesfressenden Heuschrecke ist nach wie vor präsent. Finanzinvestoren haben den Ruf, dass sie mit ihren Milliardenfonds Firmen größtenteils auf Kredit billig aufkaufen, ausplündern, zerschlagen, massenhaft Mitarbeiter entlassen, nur um die Firmen dann mit maximaler Rendite weiter zu verhökern. Es ging sogar so weit, dass die SPD Steckbriefe von Apax, Permira, Blackstone, Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Co. veröffentlichte.

Das Stigma vom alles zerfressenden Ungeziefer mag in den 1980er-Jahren noch berechtigt gewesen sein. Doch das hatte die Branche schon abgelegt, als Müntefering noch SPD-Chef war. Ein Paradebeispiel für die antiquierte Sichtweise der SPD ist das Pamphlet mit dem Titel „Marktradikalismus statt sozialer Marktwirtschaft“, in dem man 2005 als Beleg für die Untaten der Heuschrecken Wincor Nixdorf anführte. Dass während der „Schreckensherrschaft“ von KKR und Goldman Sachs von 1999 bis 2004 die Zahl der Mitarbeiter der ehemaligen Siemens-Tochter von 3.400 auf 6.300 stieg, entging den Sozialdemokraten offensichtlich ebenso wie der erfolgreiche Börsengang im Jahr 2004. Nun könnte man argumentieren, dass sich Wincor Nixdorf noch besser ohne Heuschrecke hätte entwickeln können.

Danke für Heidi Klum und Stefan Raab

Aber man stelle sich einmal eine Welt ohne Heidi Klums Top-Models, ohne Stefan Raabs tägliche Witze über das Dschungelcamp vor. Grauenhaft. Der Heuschreckenbefall von ProSiebenSat.1 ist daher eher ein Glücksfall gewesen. Zunächst kaufte Haim Saban gemeinsam mit einer Investorengruppe die Senderfamilie für 525 Millionen Euro um sie dann 2006 an Permira und KKR weiterzureichen. Von einem kurzfristigen Abbau der Arbeitsplätze im Zuge der Sanierung ist die Mitarbeiterzahl von 2.781 im Jahr 2003 auf aktuell rund 3.600 gewachsen.

Während nach dem Platzen der Internetblase noch die Insolvenz drohte, befindet sich ProSiebenSat.1 auf dem besten Weg in den DAX. Dass Permira und KKR rund 3,6 Milliarden Euro erlöst haben und millionenschwere Dividenden kassiert haben, mag Neider zwar stören – man kann es aber auch als verdienten Lohn für die eingegangenen Risiken sehen. Denn immerhin haben die Hedgefonds 1,6 Milliarden Euro Eigenkapital eingebracht und hätten während der Finanzkrise fast alles verloren.

Verloren schien 2003 auch der Bezahlsender Premiere – jetzt Sky Deutschland. Wegen tiefroter Zahlen und einer erdrückenden Schuldenlast stand das Unternehmen vor der Insolvenz. Mit Wirkung zum 20. Februar 2003 übernahm der Finanzinvestor Permira 65,13 Prozent an Premiere. Die Bayerische Landesbank und die damalige Hypovereinsbank beteiligen sich mit je zehn Prozent, die österreichische Bank für Arbeit und Wirtschaft mit 3,50 Prozent. Weitere 11,37 Prozent hielt das Management um Firmenchef Dr. Georg Kofler. Der Effekt kann sich sehen lassen. Zum 31. Dezember 2004 hatte Premiere 431 Millionen Euro Finanzverbindlichkeiten – ein Jahr zuvor waren es noch mehr als eine Milliarde Euro.

Der schnelle Abbau gelang, weil das Hedgefonds-Ungeziefer 220 Millionen Euro frisches Kapital einbrachte, Darlehen und Zinsen im Gesamtvolumen von rund 664 Millionen Euro übernommen hatte, und anschließend in Eigenkapital wandelte. Von einem Aussaugen von Finanzmitteln kann nicht die Rede sein. Heute steht der Bezahlsender besser da denn je. Es wird niemand mit wirtschaftlichem Verständnis bestreiten, dass ohne Heuschrecke die Bundesliga-Konferenz bei Sky Deutschland nicht mehr über den Bildschirm flimmern würde, geschweige denn, dass in Unterföhring noch 2.100 Mitarbeiter beschäftigt würden. Es wäre maximal noch der Insolvenzverwalter vor Ort.

Stimmungsmache gegen Investoren

Bei Übernahmen werden sicherlich manchmal Mitarbeiter entlassen und ab und zu gehen Unternehmen sogar pleite. Das ist das Risiko, mit dem die Beteiligungsgesellschaften leben müssen. Dafür erwarten sie zu Recht für sich und ihre Investoren diese angeblich unmoralisch hohen Renditen, die sie im Falle von ProSiebenSat.1 und Premiere über die Börse auch erzielen konnten. Hedgefonds pauschal als schlecht und böse hinzustellen, funktioniert nicht. Eher im Gegenteil: Es gibt Studien, die nachweisen, dass mit Private Equity finanzierte Unternehmen schneller wachsen und auch mehr Arbeitsplätze schaffen.

Die Stimmungsmache gegen Private Equity ging und geht vor allem von der Politik aus, mit dem Hinweis auf kurzfristige Gewinnerzielungsabsichten. Übersehen wird dabei gerne, dass die meisten Transaktionen in den vergangenen Jahren sich dadurch auszeichneten, dass die Firmen von den Finanzinvestoren über viele Jahre hinweg und im Wesentlichen erfolgreich begleitet wurden. Profitiert hat dabei auch der Staat, der kostenträchtige Wohnungsbestände oder klamme Staatsbetriebe an Heuschrecken weiterreichte.

Auch Großunternehmen finden für abgetrennte Konzernteile in Finanzinvestoren Käufer. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Strukturwandel in der deutschen Wirtschaft. Dass es nicht bei jeder Transaktion ein Happy End gibt, damit sollten sich auch die Politiker auskennen, die mit Steuergeldern Investitionen tätigen, die jenseits jeglicher wirtschaftlicher Vernunft sind. Man könnte es auch als Steuerverschwendung titulieren. Es wäre interessant zu sehen, wie ein Projekt wie der Berliner Flughafen oder die Elbphilharmonie von Finanzinvestoren umgesetzt würde.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thorsten Schäfer-Gümbel, Markus Sievers, Thomas Oppermann.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2015 des gedruckten „The European“.

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