Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte. Cindy Gallop

Kunterbunte Fotowelt

Der Übergang von analoger zu digitaler Fotografie war für viele Liebhaber ein schwerer Schritt. Doch nach der ersten Überwindung stellt man fest: Alles ist wie früher, nur besser.

Wurde “früher” besser fotografiert, weil weniger fotografiert wurde? Nein. Hat die digitale Technik das besinnungslose Aufnehmen weiter beschleunigt? Ja. Der Charme der frühen Fehler ist perdu, die Digitaltechnik egalisiert. Fotografie hat den Status als Expertenwissen verloren, den sie zur Zeit der Chemie noch hatte.

Fotografieren in den 90er-Jahren war herrlich. Im Fachgeschäft nach den verschiedenen Rollfilmen zu fragen, die im Kühlschrank gelagert wurden, war wie der Besuch einer exquisiten Weinhandlung. Andererseits blieb immer der Frust beim Entwickeln: Das war unglaublich teuer oder es war unglaublich schlecht. Fotografie kostete – Kameras, Objektive, Filme, Entwicklung, Abzüge. Und da ich kein Profi war, der dafür bezahlt wurde, ging ich sparsam mit den Filmen um. Deshalb war das Verstehen und Beherrschen der Technik von einer gewissen Sinnhaftigkeit – man musste effizient mit den Materialien umgehen.

Stümperhafter Übergang in die digitale Zeit

Was war mit den Ergebnissen? Der Diaabend mit Projektor und Leinwand hatte ausgedient, die Dias schaute ich mir am Leuchttisch an, Abzüge klebte ich in Alben zusammen oder stapelte sie in Schuhkartons. Da lagen sie dann. Ich hatte sogar noch eine Dunkelkammer, in der ich hin und wieder Schwarz-Weiß entwickelte und vergrößerte.

Mitte des Jahrzehnts bekam man in vielen Laboren eine CD mit den Digitaldaten seines Films gegen einen kleinen Aufpreis oder gratis dazu – eine Brückentechnologie, könnte man sagen. Analog fotografieren, digital auf dem Rechner betrachten, auf dem Farbdrucker ausgeben. Die Abzüge aus den Laboren wurden schlechter, die Prints nicht mehr vom Negativ belichtet, sondern die Negative schnell und roh gescannt und diese Daten dann auf das Fotopapier gedruckt. Bestimmte Emulsionen und Polaroids waren immer schwerer zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, dass eine Technik langsam verschwand, ohne dass die Nachfolgetechnik an das bisher Erreichte herankam. Meine vielen Kameras lagen immer häufiger herum, für manche bekam ich schon keine Batterien mehr.

Wie früher, nur besser

Anfang der 2000er-Jahre kaufte ich meine erste Digitalkamera. Ich war enttäuscht von der Bildqualität und gleichzeitig fasziniert von der Direktheit und Schnelligkeit, mit der ich meine Fotos betrachten und am Laptop bearbeiten konnte. Die digitale Diashow hatte den alten Diaabend abgelöst und gleichzeitig neu belebt. Ich fotografierte wieder. Seit zwei Jahren besitze ich eine digitale Spiegelreflexkamera, auf die sogar meine alten Objektive passen. Ein Traum. Welche Möglichkeiten! Man programmiert sich eigene Filmemulsionen! Schwarz-Weiß steht ganz selbstverständlich zur Verfügung. Nie wieder mit zwei oder drei Kamerabodys reisen. Es ist wie früher, nur besser. Ich mache mehr Aufnahmen als früher und das finde ich gut so. Die Bilder können direkt retuschiert, composed werden, der Mythos von der unbestechlichen Fotografie ist nun endgültig dahin.

Wenn man Abzüge der vergangenen Jahrzehnte betrachtet, kann man sich die zugrunde liegende Aufnahmetechnik rekonstruieren, abhängig von Farben, Auflösung, Randschärfen, Belichtungszeiten etc. Nicht allein aus den abgebildeten Sujets, sondern auch anhand der Technik lässt sich auf eine Zeit schließen. Ob das die Digitalfotografie auch schafft? “Schau mal, eine frühe 2-Megapixel-Aufnahme mit Fixfokus – das muss um 1999 herum gewesen sein …”

Ich trauere der analogen Fotografie nicht hinterher. Ich weiß nur noch nicht, wie ich die ganzen Aufnahmen meines Lebens sinnvoll archivieren soll – vielleicht doch eine Sicherheitskopie auf Papier machen?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michael Stepper, Tobias Schlegl, Matthias Grimm.

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