Mai Tai statt Mao

von Markus Albers24.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Moderne Restaurants, coole Klubs, schicke Galerien. Hinter tristen Fassaden im kommunistischen Einheitsgrau feiert in Peking eine bunte Kunstszene

An der Jianguomenwai Avenue Nummer B 12, nahe der Verbotenen Stadt im Zentrum Pekings, befinden sich zwei gigantische Bürotürme: die Twin Towers. Nachts, wenn die beiden Hochhäuser verlassen neben der Hauptstraße dämmern, passiert Ungewöhnliches. Dunkle Limousinen und schnittige Sportwagen halten vor dem Eingang, gut gekleidete Menschen huschen durch das Einkaufszentrum im Erdgeschoss, vorbei an geschlossenen Shops zum Fahrstuhl neben dem Turnschuhgeschäft. Sie fahren in den vierten Stock, die Türen öffnen sich – und sie sind im Herzen des neuen Chinas. Auf 6.000 Quadratmetern erstreckt sich hier die wohl opulenteste Demonstration ungezügelten Kapitalismus, die es in der Volksrepublik derzeit gibt: Der Lan-Club, von Philippe Starck gestaltet, vermengt postmodernen Plüsch mit schlichter Angeberei. Ein verschachteltes Wunderwerk teuren pompösen Geschmacks mit ausgestopftem Nashornschädel an der Wand, Gemälden an der Decke, Kristalllüstern, goldfarbenen Stühlen, endlos langen Tischen, exquisiten Separees. Früher schürten Chinas Politiker die Angst vor Dekadenz durch Verwestlichung. Lan bestätigt diese Befürchtung aufs Angenehmste. Das heutige Peking, so wird einem hier klar, gibt es zweimal: das vor und das hinter den Fassaden. Wer sich die Stadt als grauen, kommunistischen Moloch vorstellt, mit Plattenbauten, Tristesse und Smog, hat nur auf den ersten Blick recht. Obwohl der Gigant sich permanent häutet und in Rekordzeit imposante neue Gebäude gebiert, ist die chinesische Hauptstadt keine architektonische Schönheit.

Kapitalistische Kulturrevolution

Wenn man sich Peking aber genauer ansieht – die versteckten Designrestaurants und Cocktailbars, die imposanten Hotels, die wilde Kunstszene –, merkt man sehr schnell, dass China den großen Sprung vorwärts in Richtung Kapitalismus längst hinter sich hat. Peking hinter der Fassade ist bunt, vielgestaltig, mutig und luxuriös. Wer aus dem Shangri-La im Westen zum Zentrum des künstlerischen Peking will – dem Galerieverbund 798 im Osten –, quält sich gute anderthalb Stunden im Stau durch die City. Das 798, auch bekannt als Dashanzi Art District, ist ein seit 2002 komplett von zeitgenössischen Künstlern übernommener riesiger Industriekomplex. In den Fabrikhallen und loftähnlichen Bauten finden sich heute Hunderte Ateliers, Galerien, Cafés und kunstgewerbliche Läden. “Chinesische Kunst ist heiß”, sagt eine 23-Jährige, die sich nur LJ nennt. Was sie meint: Die Kunst ist auf dem internationalen Markt sehr gefragt. Die Studentin jobbt in einem der renommiertesten Häuser, der Redstar Gallery. Die großen Fotomontagen von Chen Jiagang, die derzeit hier hängen, kosten zwischen 12.000 und 15.000 Euro. Ein üblicher Preis auch für großformartige Gemälde, wie ein Gang durch angrenzende Galerien zeigt. Reiseführer Jamie Wang fühlt sich hier nicht wohl. Noch auf der Chinesischen Mauer sprudelte er vor Anekdoten und referierte im Stau vorbei an den Baustellen für Olympia Statistiken. (“Erst vier Prozent aller Chinesen haben ein Auto.” “1.500 neue Wagen werden täglich zugelassen.” “Insgesamt gibt es in Peking drei Millionen Autos für 15 Millionen Einwohner.”) Die moderne Kunst im 798 gefällt ihm weniger. Figuren von weiblichen Rotarmisten in Netzstrümpfen findet er “respektlos”. Tatsächlich bemühen sich viele Künstler hier, mit möglichst harten Schockeffekten die sozialistische Propagandakunst der Mao-Ära zu ironisieren. Immerhin verbietet ihnen das offenbar niemand. Wenn es in China heute noch eine strenge Zensur gibt, ist im 798 nichts davon zu spüren.

Wachstumsbranche Kulturindustrie

Derzeit plant die Pekinger Stadtentwicklungsbehörde, neun weitere Kunstzentren nach dem Vorbild des 798 aufzubauen. Bis 2010 soll es damit insgesamt 30 sogenannte Kunst- und Kulturzonen in Peking geben, zur Förderung und Ausstellung von traditioneller und moderner Kultur. Laut eines Sprechers der Behörde arbeiten bereits heute eine Million Menschen in circa 10.000 Unternehmen mit Bezug zur Kultur, die damit eine wichtige Säule der Dienstleistungsindustrie darstellen. Es wird erwartet, dass die Kulturindustrie bis 2010 mindestens zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen wird. Reiseführer Wang weiß um die Attraktivität des Künstlerviertels. Er ist stolz auf die gigantische Ansammlung von Galerien und Ateliers hier und manche der Kunstwerke gefallen ihm sogar. “Schauen Sie, hier werden Motive der klassischen chinesischen Oper zitiert”, sagt er und zeigt auf große knallrote Keramikfiguren – Tänzerinnen und Soldaten mit Affen oder Hundeköpfen. “So sollte Kunst sein: modern, aber mit Respekt vor unserer Tradition”, findet Wang. Nein, er ist kein Kunstexperte. Aber vielleicht markieren die plump provokanten Persiflagen auf Volksarmee und Parteikader ja wirklich ein Übergangsphänomen, die auch symbolische Emanzipation der jungen Generation von den Werten des Kommunismus. Das wäre dann ein wichtiger Abnabelungsprozess, aber einer, der die zeitgenössische chinesische Kunst nicht auf Dauer wird inspirieren können.

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