Hilfe zur Selbsthilfe

von Markus Albers27.01.2010Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Immer mehr Autoren finden ihre Leser ohne die Hilfe etablierter Verlage und Institutionen. Sie versuchen sich an moderner Technik, finden neue Partner, schmieden überraschende Koalitionen. Es ist eine aufregende neue Welt.

Während deutsche Zeitungsverleger gegen Google klagen, weil sie sich ärgern, dass ihre Gewinne schrumpfen und der Suchmaschinenriese immer erfolgreicher wird. Während Magazin-Chefredakteure fast schon verzweifelt darauf hoffen, dass die neuen Tablet-Computer – allen voran jener von Apple – ihre wegbröckelnden Käuferschichten durch eine mobile und technikaffine neue Zielgruppe auffüllt. Während deutsche Buchverlage dickköpfig um die Buchpreisbindung ringen und elektronische Versionen ihrer Hardcover in der Regel für denselben Preis – und nicht selten für mehr als 30 Euro – zu verkaufen hoffen. Während also die alte Garde der Papierkrieger an überkommenen Vertriebswegen festhält und sich nur zögerlich auf digitale Distribution einzulassen beginnt, haben viele Autoren die Frage nach der Möglichkeit von Paid Content – also bezahlten Inhalten im Internet – längst für sich beantwortet. Sie verlassen sich dabei in der Regel nicht auf gewachsene Institutionen, sondern versuchen sich an moderner Technik, finden neue Partner, schmieden überraschende Koalitionen. Fakt ist: Immer mehr professionell selbst verlegte E-Books finden ihre Kunden. Die Software-Theoretiker 37signals verkauften 30.000 Exemplare von “Getting Real” für 19 Dollar pro Stück. “Zen Habits”, das Blog des auf Guam lebenden Produktivitäts-Experten Leo Babauta, hat weltweit über 100.000 Leser, von denen, wie er sagt, “viele Tausend” seine E-Books kaufen. Der Erfolg solcher digitaler Nischenprodukte wirft Fragen auf: Brauchen Autoren für jedes Buch einen Verlag? Und was ist überhaupt ein Buch? Ein künstliches Format, über dessen Eigenschaften es in der Branche einen – wenn auch nur scheinbaren – Konsens gibt. “Interessant, aber kein Buch.” Das ist der Filter der Verlage.

Weniger Buch, mehr interaktives Dossier

Der Reiz gelegentlichen elektronischen Selbstvertriebs liegt für Schreiber erstens darin, nicht jede Idee ins Format “Buch” pressen zu müssen. Jan Weilers Kolumnen kann man für 25 Cent pro Folge auf seiner Website abonnieren. Angesichts der zunehmenden Verbreitung digitaler Lesegeräte sind solche Modelle die Zukunft, meint Medientheoretiker Jeff Jarvis: Leser können neben Zeitungen oder Büchern direkt den Output von Autoren erwerben. Mein neues Buch “Meconomy” bringe ich als E-Book und iPhone-App heraus, und vielleicht ist es gar kein “Buch”, sondern eher interaktives Dossier, kommentierte Materialsammlung, Feature mit viel Nutzwert. Der zweite Vorteil des E-Books: Es ist schnell am Markt. In “Meconomy” geht es um Konsequenzen aus der Krise, Selbstverwirklichung in der digitalen Ökonomie, globale Mobilität, elektronisches Lernen, persönliche Produktivität und Self-Branding. Dinge, die für mich jetzt relevant sind. Um ein Buch zu drucken, bräuchte ein Verlag aber mindestens bis zum Herbst.

Es macht einfach irrsinnig Spaß

Der dritte Vorteil: Wenn man sich – wie ich – für neue Technologie interessiert und auch nur ein wenig Gründergeist verspürt, macht es einfach irrsinnig Spaß. Ich habe für Lektorat, Cover, Korrektur, Satz und Website Profis engagiert. Ich trage das unternehmerische Risiko, habe mit Textunes und Sony starke Vertriebs- und Marketingpartner gefunden. Nun sollten wir gemeinsam Visionen entwickeln, wie Bücher heute aussehen können. Mit Audio und Video für Tablets optimiert? Oder auf Papier liebevoll editiert, dafür mit E-Book-Datei umsonst dazu? Für solche Entscheidungen und Produktionen brauchen Autoren künftig Verlage mehr denn je. Um Texte zu veröffentlichen, nicht mehr zwingend.

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