Wenn unsere Werte uns etwas bedeuten, können wir uns nicht an der Seitenlinie ausruhen. Martti Ahtisaari

Kalter Kommunikationsentzug

Heimlich E-Mails checken, am Klo twittern, 24 Stunden online sein: Wie abhängig sind wir eigentlich mittlerweile von dem Phänomen Social Media? Markus Albers unterzieht sich einer gnadenlosen Selbstanalyse; in seinem Urlaub.

Lassen Sie mich mit einem Geständnis beginnen: Als ich vorgestern allein mit dem Baby spazieren gegangen bin, habe ich im Park angehalten, das iPhone gezückt und meine E-Mails gecheckt. Berufliche Mails. Eine habe ich sogar beantwortet. Es war kalt und dunkel, aber das Baby war ja eingepackt und schlief. Also schaute ich auch schnell bei Twitter rein. Und in den Feedreader. Hoffentlich sieht mich jetzt keiner, dachte ich. Bin ich ein unkonzentrierter Rabenvater, ein technophiler Grobian? Hat Social Media mich asozial gemacht? Vermantscht das Internet, wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem neuen Buch raunt, so langsam mein Gehirn?

Kalter Entzug in vier Stufen

Kürzlich waren wir zwei Wochen in der einsamen italienischen Maremma, es sollte ein Urlaub werden mit vielleicht einem kleinen bisschen Arbeit hier und da. Ich musste dann aber lernen, dass es in der Maremma keine Onlinezugänge gibt, von WLAN gar nicht zu sprechen. Jedenfalls nicht in den malerischen alten Landgütern auf denen wir übernachteten. Das einzige Internetcafé im zehn Kilometer entfernten Dorf machte immer erst um 20 Uhr auf und dann war der Rechner neben dem Billardtisch von betrunkenen Jugendlichen besetzt.

Sagen wir so: Es hatte etwas von kaltem Entzug in vier Stufen. Ich war erst ungläubig, dann unruhig, schließlich unleidlich. Und, oh Wunder, eines Morgens plötzlich clean. Ich akzeptierte das Offline-Sein, stellte den Frühstückstisch in die Sonne, streichelte den Hofhund und kochte Kaffee. Wir lasen den ganzen Tag lang Bücher und gingen abends Pasta essen. Ohne kribbelndes Telefon in der Hosentasche. Es wurde dann nicht nur ein sehr entspannter Urlaub, sondern überraschenderweise auch ein kreativer – ich hatte ganz vergessen, wie viele gute Einfälle einem kommen, wenn man nicht alle zehn Minuten auf einen kleinen Bildschirm starrt. Dass ich auf dem Tiefpunkt des Entzugs in einem unbeobachteten Moment unseren Vermieter – einen flamboyanten Landadligen, den wir nie ohne Schal und Cognacschwenker sahen – anflehte, mich für zehn Minuten an seinen Privatrechner zu lassen, um Mails zu checken, muss bitte unter uns bleiben.

Wie viel Zeit brauchen wir, um produktiv und kreativ zu sein?

Der amerikanische Produktivitätsexperte Merlin Mann sagt, die wichtigste Herausforderung der Jetztzeit sei es, herauszufinden, wo die Grenze verläuft, ab der Kommunikation und Ablenkung uns daran hindern, unsere eigentlichen Projekte zu verfolgen. Und dann diese Grenze auf effektive, pragmatische, deutliche und zivilisierte Weise zu kommunizieren. Also im Zweifel per Email-Abwesenheitsassistent und ständig aktiver Mobilbox. Damit kann ich schon mehr anfangen als mit typisch deutschen Weltuntergangsszenarien. Stellt man das Stammmtischgeraune von der Informationsflut vom Kopf auf die Füße, bleibt nämlich kein psychosozialer Supergau, sondern – und das ist viel relevanter – die ganz alltagspraktische Frage, wie wir den neuen Kommunikationsmitteln klug umgehen. Wie viel Zeit brauchen wir, um produktiv und kreativ zu sein? Was müssen wir aufgeben oder einschränken, um die Ressourcen zu haben, etwas Neues zu schaffen?

Wir sollten unsere wertvolle Zeit mit „Brandschutzmauern umgeben, um Dinge machen zu können“, sagt Merlin Mann. Jawohl, genau das hatte ich in der Maremma gelernt. Die Erkenntnis hielt zu Hause exakt eine Woche lang. Dann, ich saß mit Freunden abends beim Vietnamesen, ertappte ich mich schon wieder bei der zeitgenössischsten und zugleich erniedrigendsten aller Kulturtechniken: Dem Vorwand, das Klo aufzusuchen, um dort heimlich E-Mails zu checken. Und kurz Twitter. Und vorm Rausgehen noch schnell den Feedreader. Hoffentlich sieht mich jetzt keiner.

Am 18. Januar erscheint „Meconomy“, das neue Sachbuch von Markus Albers

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marie Gamillscheg, Björn Behrendt, Paulus Terwitte.

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