Kein Land ist heute mehr autonom. Anthony Grayling

Die Leere nach dem Beben

8917 Kilometer liegen zwischen Tokio und Berlin. Und eine gigantische Leere. Denn auf der Strecke ist die Menschlichkeit verloren gegangen.

Ein Bild. Surreal. Es ist die Kreuzung vor Shibuya Eki, dem Bahnhof des Tokioter Vergnügungsviertels. Fünf Jahre ist es her, dass ich hier täglich ein- und ausstieg. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und immer hat mich diese Kreuzung mit ihren riesigen Zebrastreifen an einen Warhol’schen Ameisenhaufen erinnert. Stets bunt eingefärbt, stets voller Menschen, stets in Bewegung. Nun sehe ich auf das Foto einer Presseagentur. Dieselbe Kreuzung – leer. So leer wie das Herz des politischen Berlins.

Menschenleere …

Es ist eine gespenstische Leere, die mein Herz aufwühlt. Menschenleere. Ich lese die Nachrichten neben dem Foto: Reaktorblock 4, radioaktive Wolke, Nachbeben. Und denke an eben jene Menschen, die mir in meiner Zeit in Japan so ans Herz gewachsen sind. Maru, meinen „japanischen Bruder“, Tomomi, Natsuko und Toshi. Toshi schrieb mir nach dem Beben: „Ich bin am Abend in meine Wohnung zurückgekommen. Sie war total verwüstet. Ich war schockiert. Dann fiel mir ein, dass ich sie morgens ja genauso zurückgelassen hatte.“ Ich musste lachen. Allen vieren geht es gut. Mir nicht.

… und menschliche Leere

Denn ich verfolge, wie dieses Unglück missbraucht wird. Felix, ein Würzburger Jungliberaler, lässt mich wissen, dass er „als letzte Mahlzeit vor dem Deutschland bevorstehenden Weltuntergang mit gutem Gewissen Schnitzel anstatt Jodtabletten“ isst. Inzwischen protestieren medienwirksam Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin für den Atomausstieg (ein Anliegen, das ich nur unterstütze). Da ist er also wieder: Jürgen Trittin, dem jede Menschlichkeit abhandenkommt, wenn er Katastrophen für politische Zwecke nutzen kann. Derweil geißelt Alexander Görlach die moralische Degeneration der Opposition. Um unter dem Deckmantel der Pietät selbst politisch zu punkten.

Menschlichkeitsleere

In Japan spielt sich eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes ab. Doch dies interessiert das politische Berlin – wenn überhaupt – erst in zweiter Linie. Und wer von uns weiß nicht schon jetzt, worum sich die Talkshows und Leitartikel in den nächsten Tagen drehen werden? Empathie hat hier keinen Platz. Kann sie überhaupt einen haben? Schließlich ist sie doch ein Grundelement von Humanität. Und jene verbindet unsere abendländische Kultur mit den konfuzianischen Wurzeln Japans.

Ich habe Tränen in den Augen. Mein Freund Yuuki verlässt gerade unsere Wohnung. Er fliegt nach Tokio. Zu seiner Familie. Ins Ungewisse. Er fragt mich, woran ich denke. Ich würde es ihm gerne sagen. Doch Scham steigt in mir hoch. Ein ur-japanisches Gefühl. Und Wut. Denn dieser ganze menschlichkeitsleere Diskurs kotzt mich einfach nur an!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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