Zu Risiken im Militärischen ist Deutschland bereit, zu Abenteuern nicht. Gerhard Schröder

Das magische Feuer

Die wundersame Magie des olympischen Feuers – unser Kolumnist hat sie als Fackelträger hautnah erlebt.

Zweimal bin ich schon an ihr vorbeigelaufen. Doch nun weist mir ein ebenso blasser wie freundlicher Herr den Weg in die Westfield Junior School. Ich steuere durch die ineinanderfließenden Reihen parkender Kleinwagen und länglich-schmaler Regentropfen auf den Eingang zu und betrete die so spärliche Halle, in der zwei nette Damen englischen Tee aus Plastikbechern servieren. Da ist es 20 vor sechs, an einem Sonntagmorgen.

Als ich zwei Stunden später als registrierter und gebriefter Fackelträger aus der Halle trete, erwartet mich eine andere Welt. Menschenmengen drängen sich an beiden Seiten der Straße. In meiner strahlend weißen Uniform steige ich in den Bus, der mich und vierzehn andere Fackelträger zu unseren designierten Übergabepunkten bringt.

Jubelmeer in Mittel-England

Der Bus hält. Gott sei Dank macht auch der Regen Pause. Und dennoch werde ich hinweggeschwemmt, als ich aus der Tür trete. Denn eine Woge aus Applaus und Jubel prasselt auf mich herein, als ich im idyllischen St. Ives auf die Straße trete. Ich sehe die unbändige Freude, mit der die Engländer ihr Feuer erwarten. Jung wie alt. Kinder mit selbst gebastelten Fackeln, wie ihre Mütter freudig winkend; junge Männer mit Union Jack und selbst die Bewohner des ansässigen Altenheims haben sich – zumeist in Rollstühlen – fähnchenschwenkend aufgereiht.

Ich weiß nicht warum, aber ich recke die goldene Fackel in die Höhe und schon brandet die nächste Jubelwoge auf. Nun überkommt auch mich Gänsehaut, während Digitalkameras und Smartphones wild auf mich einklicken. Und irgendwie bin ich versöhnt mit dem Land, das mir bislang so wenig geboten hat. Da reißt mich eine nette Dame aus meiner Sprachlosigkeit. Ob sie die Fackel anfassen dürfe. Darf sie. Und doch bin ich mir nicht sicher, ob das Objektiv ihres Mannes sie wirklich mit im Bild hat …

Das magische Feuer

Wenige Sekunden später sehe ich das Feuer in die Kreuzung biegen. Jetzt ist es hier. Und auch ich bin in seinen Bann gezogen und strahle mit ihm um die Wette. Ich sollte lächeln. Nun, ich kann nicht mehr aufhören genau das zu tun, als ich in das Spalier von Hunderten von jubelnden Menschen laufe, die ihre Hände genauso unweigerlich ineinanderfallen lassen wie ich die Mundwinkel hochziehe.

Ich könnte ewig laufen in diesem Jubelmeer. Doch drei Minuten müssen genügen – leider! So sitze ich wieder im Bus und blicke hinaus – in all die freudig-stolzen Gesichter, die nun meinem „Nachfolger“ zujubeln. Und wundere mich über die seltsame Magie des olympischen Feuers …

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Mark T. Fliegauf: Vom Sinn und Unsinn des Beerensammelns

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