Als ich in den 1970er-Jahren die Original-Tapes aufnahm, hatte ich ja keine Ahnung, dass das Leben endlich ist. Karl Bartos

Die Metamorphose des Barack O.

Goodbye: Yes, we can; hello: No, they can’t. Denn für Glaube, Werte und Hoffnung ist im Jahr 2012 kein Platz. Stattdessen wird der Obama-Wahlkampf zur Anti-Romney-Kampagne.

Glaube. Werte. Und vor allem Hoffnung. Vier Jahre ist es her, dass ein Jung-Senator aus Illinois mit diesen Schlagwörtern die politische Welt aus den Angeln hob. Dass er Hillary Clinton das sicher geglaubte Ticket entriss und danach zum ersten farbigen Präsidenten der USA aufstieg. Vier Jahre – und doch eine Ewigkeit. Denn der Barack Obama des Jahres 2012 hat eine beinahe kafkaeske Metamorphose durchlaufen. Zumindest in der Wahlkampfstrategie gegen seinen Herausforderer Mitt Romney.

Obama ’08: Für die Hoffnung

Dabei war es gerade Obamas transformationaler Führungsanspruch, der ihm die Herzen der amerikanischen Wähler gewann. Und so machten sie im Jahr 2008 ihr Kreuz nicht nur für den gleichzeitig erfrischenden und ernst-besonnenen Außenseiter, sondern vor allem für die Hoffnung auf eine geistig-moralische Wende im Land. Obama gab ihnen diese Hoffnung. Die Hoffnung auf Besserung.

Er proklamierte „broken Washington“ nach der Polarität der Bush-Ära wieder einen zu wollen und rekurrierte dabei auf jenen Wertekanon, aus welchem die Vereinigten Staaten Identität und Exzeptionalismus schöpfen: Freiheit statt Überwachungsstaat. Demokratie statt Dick Cheney. Recht und Gesetz statt Korruption und Alberto Gonzales. Kurzum, er gab den Wählern mannigfach Gründe für ihn zu stimmen.

Obama ’12: Gegen Romney & Republikaner

Welch Unterschied zum Frühling 2012. Glaube? Werte? Hoffnung? Sie alle sind zerschmolzen wie der Seehofer’sche Eisbecher in der Sonne. An ihre Stelle ist ein neues Leitmotiv getreten: Mitt Romney. Wie Obamas Wahlkampf- und Kommunikationsberater David Axelrod jüngst feststellte:

„[Der Präsidentschaftswahlkampf] ist ein Wettkampf zwischen zwei Personen und abhängig vom Gefühl der Wähler. Ich glaube nicht, dass du zum Präsident gewählt werden kannst, wenn die Wähler kein gutes Gefühl bei dir haben – mit deinem Erreichten, deiner Vision und deinen Werten.“

Mag Obama auf dieselben demografischen Gruppen, die ihm bereits 2008 zum Sieg verholfen haben, zielen: Jungwähler, Frauen und ethnische Minderheiten, allen voran Latinos. Die Strategien könnten verschiedener nicht sein. Die Hoffnung ist der Angst gewichen. Denn mit seinen eigenen Leistungsnachweisen kann Obama schwerlich genügend Wähler für einen nochmaligen Sieg mobilisieren – zu hoch sind Arbeitslosenquote (derzeit 8,1 Prozent) und Staatsverschuldung (knapp 16 Billionen Dollar), zu gering das Wachstum (2,2 Prozent).

So muss sie denn die Angst an die Wahlurne treiben. Die Angst vor Mitt Romney. Die Angst, dass mit dem republikanischen Strahlemann und Multimillionär noch mehr Reichtum und Steuervergünstigungen an die Top-ein-Prozent fließen, während die große Mehrheit entweder um ihre Jobs bangen oder diese gänzlich abschreiben muss. Von Sozialleistungen ganz zu schweigen. Der Obama-Wahlkampf, er wird ein Gegen-Romney-Wahlkampf werden.

Und die erste Runde hat der Präsident bereist eingeläutet. Mit einem Video, das den Stellenabbau bei einem mittelständigen Unternehmen SCM in Indiana illustriert. SCM wurde mittelbar von der Private-Equity-Gesellschaft Bain Capital übernommen. Und die gesamte Belegschaft umgehend entlassen (um für weniger Lohn wieder eingestellt zu werden). Gründungspartner und damaliger Leiter von Bain Capital: Mitt Romney. Selbiger Clip findet sich auch auf der Seite RomneyEconomics.com wieder, wo das Obama-Team weitere Romney-„Opfer“ aufgelistet hat. Das Ziel ist klar: den erfolgreichen Unternehmer Romney als gierigen Heuschrecken-Kapitalisten zu zeichnen. Als Profiteur und Verfechter der sozialdarwinistisch angehauchten Wirtschaftsideologie der Republikaner, die unter Bush das Land beinahe in den Abgrund gerissen hat. Goodbye „Yes, we can“, hello „No, they can′t“.

Nichts macht die Verwandlung des Barack O. deutlicher als diese Website.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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