Ein Präsident ist wie ein Friedhofswächter: er hat viele Leute unter sich, aber keiner hört zu. Bill Clinton

Halbmond und Halloween

Hans-Peter Friedrich spielt mit dem Feuer. Doch kann der Rückgriff auf das beliebte Feindbild die Erosion des deutschen Christentums aufhalten?

Es ist ein Kreuz mit den Andersgläubigen. Vor allem für den christlich-sozialen Innenminister. Denn Hans-Peter Friedrich kann den Islam partout nicht in der deutschen Geschichte finden. Dafür aber jede Menge Muslime in Berlin. Doch um die geht es nur in zweiter Linie. Denn was Friedrich wirklich umtreibt, ist die Erosion des christlichen Wertefundaments in Deutschland.

Schließlich nimmt es der bundesrepublikanische Zeitgeist etwas zu genau mit seiner Liberalität: gleichgeschlechtliche Partnerschaften, exorbitante Scheidungsraten und Halloween. Ja, Halloween. Denn auch das spaßig-gespenstische Treiben lässt sich inmitten der deutschen Gesellschaft, jedoch nicht im christlichen Glauben verorten, was unlängst den JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder auf die Barrikaden trieb.

Mohammed als Schmitt’scher Posterboy

Hans-Peter Friedrich lebt lange genug in der Hauptstadt. Kaum vorstellbar, dass er auf sein stets freundliches „Grüß Gott“ noch kein mürrisch-berlinerisches „Ick bin dooch nischt doof!“ zu hören bekam. Dabei steht die Spree-Metropole sinnbildlich für einen bundesweiten Trend: Von den gut 3,4 Millionen Einwohnern sind gerade einmal eine Million in einer der beiden christlichen Kirchen eingetragen. Das sind weniger als dreißig Prozent.

Neben Berlin bilden organisierte Katholiken und Evangelen in Hamburg sowie in allen östlichen Bundesländern eine deutliche Minderheit. In Bremen und Schleswig-Holstein stellen Nicht-Christen über vierzig Prozent der Bevölkerung, in Nordrhein-Westfalen, Niedersachen und Hessen jeweils über dreißig Prozent. Solche Zahlen sind es, die Friedrich und seine CHRISTLICH-sozialen/demokratischen Parteikollegen weitaus mehr erschrecken als ein Kreuzberger Muezzin.

Mißfelder hat für seine Halloween-Kritik reichlich Spott geerntet. Der gewiefte Politiker Friedrich ist da schlauer. Er überträgt einfach das politische Freund-Feind-Schema Carl Schmitts auf die gesellschaftliche Ebene. Und niemand eignet sich seit dem Jahr 2001 besser, um das christliche Fundament westlicher Gesellschaften hervorzuheben, als das Schreckgespenst Islam. So wird der Prophet Mohammed zum Schmitt’schen Posterboy des „Feindes“, weil ihm a posteriori beständig jene Ausführungen in den Koran gelegt werden, welche von seinen radikalsten Interpreten stammen.

Tolerierbare Intoleranz

Welch Ironie, dass die beständige Warnung vor der inhärenten Intoleranz des Islam und die Hervorhebung eines jüdisch-christlichen Kulturkerns nicht nur als Einschränkung unseres liberalen Gesellschaftsmodells fungieren, sondern zugleich lediglich eine andere Ausprägung desselben Phänomens darstellen. Allerdings eine, die als tolerierbar gilt.

Friedrich, Mißfelder & Co ist zu raten, sich die jüdische Gemeinde in Berlin zum Vorbild zu nehmen. Denn deren Vorsitzende Lala Süsskind hat sich durch den Antisemitismus radikaler Islamisten nicht davon abhalten lassen, mit der muslimischen Gemeinschaft in einen regen interreligiösen Dialog zu treten, um gegenseitige Vorurteile abzubauen. Und das Berliner Büro des American Jewish Committee organisiert nicht nur regelmäßige Treffen zwischen jüdischen, türkisch-stämmigen und christlichen Young Professionals und Führungskräften, sondern hilft mit seiner Initiative „Aktiv gegen Antisemitismus“ Jugendlichen mit Migrationshintergrund dabei, interkulturelles Verständnis zu entwickeln.

Vielleicht mag der Innenminister mal bei einem der nächsten Treffen vorbeischauen. Schaden würde es sicher nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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