Für das was Snowden getan hat, fehlt mir der Mut. Juli Zeh

Unter schottischer Führung

Gordon Browns Aussichten auf einen Wahlsieg schwinden täglich, weil er kleinlich regiert, statt zu führen. Angela Merkel mag ängstlich auf Browns verzweifeltes Aufbäumen blicken, denn beide teilen dieselbe Schwäche: ihren Führungsstil.

Gordon Brown gibt nicht auf. Tapfer kämpft der britische Premierminister für sich und seine Labour Party vor den bevorstehenden Unterhauswahlen im Juni dieses Jahres. Allein, der 58-jährige Parteivorsitzende ähnelt dabei zunehmend Don Quijote in dessen Kampf gegen die Windmühlen. Welch Unterschied zum Juni 2007, als Brown das Amt des Regierungschefs von Tony Blair übernahm und somit nach zehn Jahren endlich aus dem Schatten des charismatischen Rivalen trat. Und zu Beginn seiner Amtszeit wirkte der Arbeits- und Detailfanatiker geradezu erholsam in seinem Gegensatz zum stets Aufmerksamkeit suchenden Blair.

Den Dolch der Parteigenossen im Rücken

Doch seit Mitte 2008 hat sich das Blatt deutlich gewendet, und Brown spürt nicht nur die kalte Abneigung der Wähler in seinem Gesicht, sondern auch die beständigen Dolchstöße seiner Parteigenossen im Rücken. Beide Phänomene sind auf dieselbe Ursache zurückzuführen: den Führungsstil des Schotten. Denn ebenso wie Angela Merkel hat sich Gordon Brown weit mehr als Problemlöser verstanden denn als Visionär und Kommunikator. Doch ein solches Führungsverständnis mag den Premier auf den Olymp der britischen Demokratie gehoben haben, es wird ihn jedoch dort, so scheint es, nicht halten können. Brown fehlt die Verbindung zum Wahlvolk, weil er nicht in der Lage ist, klare Ziele vorzugeben und sich als Entscheider zu präsentieren, der das Ruder des Vereinigten Königreichs auch in den stürmischen Zeiten von Finanzkrise, Rezession und einer hausgemachten Politik(er)verdrossenheit im Zuge des Spesenskandals in der Hand behält. Zumal Brown nicht einmal die nötige Autorität an den Tag legt, um seine eigene Partei zu führen. Aus deren Reihen hagelt es stetige Kritik am Vorsitzenden, der sich im Juli 2008 sogar einem offenen “Putschversuch” von Hinterbänklern im Unterhaus gegenübersah. Und auch zu Jahresbeginn unternahmen der ehemalige Verteidigungsminister Geoff Hoon und Ex-Gesundheitsministerin Patricia Hewitt Schritte, um eine Abwahl Browns als Labour-Chef in die Wege zu leiten; jedoch ohne Erfolg.

Die “Neue Mitte” der Tories

Wortgewandt und charismatisch dagegen gibt sich Browns Widersacher David Cameron und offenbart damit genau jene Eigenschaften, welche der Premierminister so schmerzlich vermissen lässt. Der 43-Jährige sonnt sich geradezu im selbst polierten Glanz des konservativen Reformers, der die Tories ihres angestaubten Images entledigt hat und scheinbar gewinnbringend um genau jene “Neue Mitte” kämpft, die Tony Blair vor knapp 13 Jahren an New Labour band. Doch wenn Gordon Brown etwas Hoffnung geben kann, dann die Tatsache, dass sein Widersacher vielen Briten als zu snobistisch gilt und sie dem Eton- und Oxfordabsolventen unterstellen, inhaltliche Positionen den eigenen Karriereambitionen hinten anzustellen. So meint auch der ehemalige Kabinettsminister von Margaret Thatcher, Norman Tebbit: “I am not sure that it is possible to sell politics quite like soap powders or organic vegetables.” Demzufolge bietet sich für den strauchelnden Regierungschef Brown doch noch ein Hintertürchen, welches durch ein starkes Ergebnis der Liberalen als dritter Kraft zur Wiederwahl führen könnte.

Mit großem Interesse blickt die deutsche Kanzlerin derweil auf die Wahlentscheidung im Vereinigten Königreich. Denn die zuletzt aufkeimende Kritik an Angela Merkels “präsidialem Führungsstil” erinnert stark an den Beginn des brownschen Niedergangs. So wird am Wahlabend nicht nur in Downing Street Nr. 10 gezittert, sondern auch im deutschen Bundeskanzleramt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roland Sturm, Leonard Novy.

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