Unter schottischer Führung

Mark T. Fliegauf1.03.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Gordon Browns Aussichten auf einen Wahlsieg schwinden täglich, weil er kleinlich regiert, statt zu führen. Angela Merkel mag ängstlich auf Browns verzweifeltes Aufbäumen blicken, denn beide teilen dieselbe Schwäche: ihren Führungsstil.

7df7c34155.jpg

Gordon Brown gibt nicht auf. Tapfer kämpft der britische Premierminister für sich und seine Labour Party vor den bevorstehenden Unterhauswahlen im Juni dieses Jahres. Allein, der 58-jährige Parteivorsitzende ähnelt dabei zunehmend Don Quijote in dessen Kampf gegen die Windmühlen. Welch Unterschied zum Juni 2007, als Brown das Amt des Regierungschefs von Tony Blair übernahm und somit nach zehn Jahren endlich aus dem Schatten des charismatischen Rivalen trat. Und zu Beginn seiner Amtszeit wirkte der Arbeits- und Detailfanatiker geradezu erholsam in seinem Gegensatz zum stets Aufmerksamkeit suchenden Blair.

Den Dolch der Parteigenossen im Rücken

Doch seit Mitte 2008 hat sich das Blatt deutlich gewendet, und Brown spürt nicht nur die kalte Abneigung der Wähler in seinem Gesicht, sondern auch die beständigen Dolchstöße seiner Parteigenossen im Rücken. Beide Phänomene sind auf dieselbe Ursache zurückzuführen: den Führungsstil des Schotten. Denn ebenso wie Angela Merkel hat sich Gordon Brown weit mehr als Problemlöser verstanden denn als Visionär und Kommunikator. Doch ein solches Führungsverständnis mag den Premier auf den Olymp der britischen Demokratie gehoben haben, es wird ihn jedoch dort, so scheint es, nicht halten können. Brown fehlt die Verbindung zum Wahlvolk, weil er nicht in der Lage ist, klare Ziele vorzugeben und sich als Entscheider zu präsentieren, der das Ruder des Vereinigten Königreichs auch in den stürmischen Zeiten von Finanzkrise, Rezession und einer hausgemachten Politik(er)verdrossenheit im Zuge des Spesenskandals in der Hand behält. Zumal Brown nicht einmal die nötige Autorität an den Tag legt, um seine eigene Partei zu führen. Aus deren Reihen hagelt es stetige Kritik am Vorsitzenden, der sich im Juli 2008 sogar einem offenen “Putschversuch” von Hinterbänklern im Unterhaus gegenübersah. Und auch zu Jahresbeginn unternahmen der ehemalige Verteidigungsminister Geoff Hoon und Ex-Gesundheitsministerin Patricia Hewitt Schritte, um eine Abwahl Browns als Labour-Chef in die Wege zu leiten; jedoch ohne Erfolg.

Die “Neue Mitte” der Tories

Wortgewandt und charismatisch dagegen gibt sich Browns Widersacher David Cameron und offenbart damit genau jene Eigenschaften, welche der Premierminister so schmerzlich vermissen lässt. Der 43-Jährige sonnt sich geradezu im selbst polierten Glanz des konservativen Reformers, der die Tories ihres angestaubten Images entledigt hat und scheinbar gewinnbringend um genau jene “Neue Mitte” kämpft, die Tony Blair vor knapp 13 Jahren an New Labour band. Doch wenn Gordon Brown etwas Hoffnung geben kann, dann die Tatsache, dass sein Widersacher vielen Briten als zu snobistisch gilt und sie dem Eton- und Oxfordabsolventen unterstellen, inhaltliche Positionen den eigenen Karriereambitionen hinten anzustellen. So meint auch der ehemalige Kabinettsminister von Margaret Thatcher, Norman Tebbit: “I am not sure that it is possible to sell politics quite like soap powders or organic vegetables.” Demzufolge bietet sich für den strauchelnden Regierungschef Brown doch noch ein Hintertürchen, welches durch ein starkes Ergebnis der Liberalen als dritter Kraft zur Wiederwahl führen könnte. Mit großem Interesse blickt die deutsche Kanzlerin derweil auf die Wahlentscheidung im Vereinigten Königreich. Denn die zuletzt aufkeimende Kritik an Angela Merkels “präsidialem Führungsstil” erinnert stark an den Beginn des brownschen Niedergangs. So wird am Wahlabend nicht nur in Downing Street Nr. 10 gezittert, sondern auch im deutschen Bundeskanzleramt.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu