Generalisierungen sind weder hilfreich, noch angebracht. Ali Kizilkaya

Gutmenschen bei Google? Von wegen!

Googles Konfrontation mit den chinesischen Behörden hat wenig mit ethischen Grundsätzen zu tun. Hinter scheinbarer Moral verbirgt sich ein gekonnter strategischer Schachzug.

“To outsmart” – der wohl am häufigsten benutzte Begriff im beschaulichen Mountain View. Beim Internetgiganten Google bezeichnet er wie nirgendwo anders eine Lebensphilosophie. Deshalb sollte man die angedrohte Abkehr des Suchmaschinenbetreibers vom chinesischen Markt auch nicht als die Entdeckung des Gutmenschentums werten. In realiter ist Googles Schachzug eine mediale und strategische Meisterleistung.

Denn mit der Ankündigung, seine Seite Google.cn nicht mehr zu filtern und dabei deren Stilllegung durch die chinesischen Behörden in Kauf zu nehmen, hat der Internetriese nicht nur jegliche Negativschlagzeilen über Sicherheitslücken bei seinem E-Mail-Dienst GMail verhindert, sondern es vielmehr geschafft, sich im Handumdrehen zum Märtyrer des barrierefreien Cyberspace zu stilisieren. Zwar besteht Klarheit darin, dass die Hackerangriffe auf Google und etwa 30 weitere Unternehmen von chinesischen Computern stammen. Ob diese aber von staatlicher Stelle koordiniert und/oder durchgeführt wurden, können Sicherheitsexperten hingegen nicht bestätigen. Doch Google-CEO Eric Schmidt und sein Management-Team müssen angesichts der eingeschlagenen Medienstrategie wohl kaum mit einem Vertrauensverlust und damit einhergehenden sinkenden Benutzerzahlen in den großen Internetmärkten Nordamerikas, Europas und Ostasiens rechnen. Denn welches System ist schon gegen einen staatlich organisierten Hackerangriff gefeit?

Worauf spekuliert Google?

Doch auch im chinesischen Markt könnte sich ein Rückzug auf lange Sicht auszahlen. Die Kalifornier mögen darauf spekulieren, dass die chinesische Regierung den uneingeschränkten Zugang zu Internetcontent mittelfristig nicht verhindern kann. Dann könnte Google ins Riesenreich zurückkehren und mit dem Image des Heroen für ein liberales Internet sowie des Global Leaders einen signifikanten Wettbewerbsvorteil gegenüber Baidu.com erlangen, dem das Stigma des Zensurgaranten anheften würde. Denn im Gegensatz zu allen anderen relevanten nationalen Internetmärkten rangiert Google in China keineswegs auf dem Thron der Suchmaschinendienste, sondern liegt mit seinen 30 Prozent Marktanteil weit hinter Baidu.com, das insgesamt 60 Prozent aller Suchanfragen in der Volksrepublik bedient.

Googles Aktionäre glauben an die Konzernlenker

Selbstverständlich muss Google damit rechnen, dass sein Abzug aus dem chinesischen Suchmaschinensegment auch die Gefahr birgt, bei einer Rückkehr nicht genug Momentum zu erzeugen, um Baidu abzulösen oder im schlimmsten Fall sogar deutlich hinter den jetzigen 30 Prozent zurückzubleiben. Doch offensichtlich schätzen die Konzernlenker in Mountain View dieses Risiko ebenso gering ein wie ihre Anleger. Denn auf die Nachricht eines möglichen Ausstiegs gab die Google-Aktie gerade einmal 63 Cent nach – bei einem Stückpreis von knapp 600 Dollar!

Zudem weisen Analysten darauf hin, dass sein Suchmaschinenservice – und nur diesen würde Google ja beenden – keineswegs die meisten Einnahmen des Unternehmens in China bringt. Vielmehr haben sich die Onlinewerbung chinesischer Firmen auf Auslandsseiten und das Adsense-Geschäft (das Schalten von Werbung auf Seiten Dritter) zu Cashcows entwickelt, die auch nach der Stilllegung des Suchmaschinendienstes weiter gemolken werden können.

Es ist daher kaum anzunehmen, dass für Google andere Prioritäten gelten als für Mackie Messer: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Karsten Wenzlaff, Michael Kretschmer.

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