Das Trauerspiel um Robert Enke

von Mark T. Fliegauf17.11.2009Gesellschaft & Kultur

Oberflächlichkeit, Scheinheiligkeit und Egoismus. Die Trauerfeier zum Tod von Robert Enke hat offenbart, warum wir händeringend nach Vorbildern suchen – und keine finden.

Robert Enke war Fußballprofi, nun ist er ein Volksheld. Die Republik hat mit einer der größten Trauerfeiern ihrer Geschichte den Nationaltorwart posthum auf einen Sockel gehievt, auf den er zu Lebzeiten nie steigen wollte. So hat der Egoismus der vielen, die so händeringend nach Vorbildern und Idolen suchen, gesiegt über das einsame Schicksal desjenigen, der genau dieses Schaubild nicht länger abgeben konnte und wollte. Enke gehörte zu jener Kategorie von Menschen, “die”, nach Franz Grillparzer, “unter Tränen lachen, eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen”. Gerade seine Stille, seine Bescheidenheit und sein Altruismus waren es, welche ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in einer Gesellschaft gemacht haben, in der “individuelle Freiheit” als Euphemismus für galoppierenden Egoismus und stetig ausufernde Oberflächlichkeit dient. Dies ist meiner Meinung nach der entscheidende Punkt, den Jost Kaiser in seinem Beitrag verkennt.

Enke wurde durch seinen Freitod zum tragischen Helden

Weil wir unterbewusst wahrnehmen, dass unser eigener moralischer Kompass die Orientierung verloren hat, suchen wir nach “Gutmenschen”, an denen wir uns vermeintlich ausrichten können. Politiker dienen dazu mittlerweile ebenso wenig wie Wirtschaftskapitäne und all jene Fußballmillionäre, die allsamstäglich das Vereinsemblem ihres Trikots küssen, um am Saisonende bekannt zu geben, dass sie selbige Liebesbekundungen zukünftig einem anderen Arbeitgeber zukommen lassen werden. Robert Enke war eine Ausnahme und wurde durch seinen Freitod zum tragischen Helden einer Gesellschaft stilisiert, die in ihrem kollektiven Mitgefühl all jene Attribute über Bord geworfen hat, die sie an ihrem vermeintlichen Idol so schätzt. Was aber die Trauerfeier Enkes endgültig zu einem wahren Trauerspiel hat werden lassen, war die himmelschreiende Scheinheiligkeit und mediale Kaltschnäuzigkeit – immerhin übertrugen ja fünf TV-Sender live – mit der die Pochers, Beckmanns, Wulffs, Schröders und Zwanzigers ihre Trauer in Szene setzten. Muss ein niedersächsischer Ministerpräsident wirklich beim Abschied eines Profifußballers Worthülsen wie “[d]ie Welt ist nicht im Lot” und “[w]er nicht funktioniert, wird schnell zum Versager abgestempelt” von sich geben? Und kann ein DFB-Präsident nicht einmal auf Selbstbeweihräucherung verzichten, indem er die Präsenz des Nationalmannschaftskaders als Selbstverständlichkeit und ohne selbstgefälliges “Jungs, ich bin stolz auf euch” hinnimmt?

Pochers Leben geht weiter

Es blieb aber Oliver Pocher überlassen, dem Trauerkult um Robert Enke die Krone aufzusetzen. Denn Pocher konnte in seiner Sat1-Show die tiefe Betroffenheit mit dem Schicksal seines “Bekannten” zum Ausdruck bringen, um gleich darauf zu erklären: “Ich finde, das Leben muss weitergehen. Genauso wie Robert Enke auch damals nach dem Tod seine Tochter relativ zeitnah wieder im Tor gegen den Hamburger SV gestanden hat, finde ich auch, ist es für mich das Mindeste, hier heute eine unterhaltsame Show zustande zu bekommen.” Das Trauerspiel um Robert Enke macht verständlich, warum wir so an seinem Tode Anteil nehmen.

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