Euer Hass ist unser Ansporn. Joachim Gauck

In Berufung

Vieles ist mir in den Mund gelegt worden: von Grass’scher Verehrung über Broder’sche Verteufelung bis zum unumwundenen Antisemitismus. Eine Antwort.

Mit dem Regen kam die Traufe. Vor zwei Wochen hat der englische Himmel seine Schleusen geöffnet. Und seither peitscht der Regen zu jeder Tages- und Nachtzeit gegen meine Fenster, als gäbe es kein Morgen mehr. Zugleich ist eine Welle der ganz anderen Art auf mich hereingebrochen. Habe ich mich doch erdreistet, Henryk Broders Kritik an Günter Grass selbst einmal kritisch – und mit einer Prise Sarkasmus – zu beleuchten.

Hieraufhin ist mir vieles in den Mund gelegt worden: von Grass’scher Verehrung und Verteidigung über Broder’sche Verteufelung bis hin zum unumwundenen Judenhass. Dies ist ebenso unzutreffend wie schade. Und bedarf einer Antwort.

Geltung

Mich stört weder die intellektuelle Biederkeit in Henryk Broders politischen Kommentaren noch die argumentative Kurzsichtigkeit und kulturelle Ignoranz per se. Einfachheit ist keine Schande. Schon gar keine, derer sich Broder schämen müsste. Es ist vielmehr die Dreistigkeit, all jene berechnend zu stigmatisieren, die nicht mit Broder einer Meinung sind. Allein, um die eigene Geltungssucht zu befriedigen. Punkt.

Und hierzu bedient sich Broder nur allzu gern der „Antisemitismus-Keule“. Eine haltlose Anschuldigung, wie mir vorgehalten wurde. Bitte sehr: hier, hier, hier, und hier – einfach anklicken. Mein persönlicher Favorit: Broders Versuch, Angela Merkel ob ihrer Kritik an Thilo Sarrazin in die Tradition der Reichsschrifttumskammer zu stellen. Denn die Kanzlerin hatte doch wahrlich gewagt, Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ als „nicht hilfreich“ zu bezeichnen. Und war damit schnurstracks in Broders Antisemitismusschublade gelandet. In der sich eben auch Günter Grass wiederfindet.

Faktische Geltung

Günter Grass also, den Michel Friedman als „eine dieser Autoritäten“ bezeichnet,

„die fünf, sechs Jahrzehnte seiner Generation ins Stammbuch geschrieben hat: ihr müsst aufklären; ihr müsst euch eurer Vergangenheit stellen; ihr müsst mit den jungen Menschen reden was war“.

Ein Literat, der sich dennoch ob seiner faktischen Fehler und der Bedienung antisemitischer Klischees in „Was gesagt werden muss“ angreifbar gemacht hat (Klischees, die ich zu leichtfertig ignoriert habe – Dank hierfür an einige Leserbriefe). Und dem ich gemeinsam mit Friedman bis heute nicht verziehen habe, dass er

„das, was er zu Recht Millionen Deutschen seiner Generation ins Stammbuch geschrieben hat, … für sich selbst nicht angewandt hat und uns en passant erzählte, er war in der Waffen-SS …“

Nein, ich bin sicherlich nicht im sprichwörtlichen Bett mit Günter Grass. Aber ich frage mich, ob die faktische Geltungskraft eines Mannes hier nicht auf ein politisch motiviertes Label reduziert werden soll. Ist das törichte Gedicht eines 84-Jährigen, der mit siebzehn Jahren für einige Monate in die Waffen-SS eingezogen wurde, wirklich genug, um ihn als Antisemiten zu überführen? Gerade wenn dem ein literarisches Schaffen gegenübersteht, das sechs Jahrzehnte lang vorwiegend aus dem Erinnern an die Schuld und wider deren Vergessen bestand? Ich weiß es nicht.

Faktizität

Was die Antisemitismus-Debatte jedoch trefflich vermeidet, ist eine faktische Auseinandersetzung mit der Situation im Nahen Osten. Wie Martin Eiermann festgestellt hat:

„Wenn der Antisemitismus einmal von der Kette gelassen ist, wird jedes weitere Argument schnell zum Zerrbild seiner selbst. Das ist das Paradoxe an solchen Kampfbegriffen: Sie provozieren die eine Diskussion, um eine andere zu vermeiden.“

In dieser anderen Diskussion, jener der Faktizität, kann ich einen israelischen Präventivschlag gegen den Iran durchaus als problematisch erachten. Ebenso wie Hillary Clinton und die ehemaligen Mossad- und Shin-Bet-Chefs Meir Dagan und Yuval Diskin. Oder aber der israelische Armeechef Benny Gantz, der zudem die iranische Führung um Ajatollah Ali Chamenei als durchaus rational ansieht. Und ich kann diese Vorbehalte ohne Weiteres mit meiner Haltung zum uneingeschränkten Existenzrecht Israels vereinen.

Ich kann überdies das Leben im permanenten Ausnahmezustand in Israel ebenso nachvollziehen wie das iranische Streben nach Atomwaffen (beides jedoch nur aus der Ferne). Weil komplexe Probleme dazu neigen, differenzierte Meinungen hervorzubringen. Dies macht mich jedoch nicht zum Antisemiten. Nur um das klarzustellen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Israel, Iran, Antisemitismus

Debatte

Antisemitismus in Frankreich

Medium_daae3ac1d2

Wie Claus Leggewie den islamischen Antisemitismus verharmlost

Ich bezweifle nicht, dass Claus Leggewie, den ich aus meinem ersten Leben kenne, sich etwas in der Geschichte Algeriens auskennt. weiterlesen

Medium_baecbf09f7
von Edgar Ludwig Gärtner
15.05.2019

Debatte

Antisemitismus ist keine Verschwörungstheorie

Medium_7a89a9e220

Warum der Antisemitismus uns alle bedroht

Michael Blume ist ein mutiger Mann. Er beschränkt sich nicht auf ein ruhiges Autoren-Dasein am sicheren Schreibtisch, er ist nicht der Meinung, dass seine Funktion als Antisemitismus-Beauftragter d... weiterlesen

Medium_fa65ceb9bf
von Vera Lengsfeld
14.05.2019

Debatte

Judenfeindlichkeit nimmt zu

Medium_7a89a9e220

Anhaltender Antisemitismus in der EU

Antisemitische Hassreden, Belästigung und Angst, als jüdisch erkannt zu werden – mit solchen Vorkommnissen sind Menschen jüdischen Glaubens heute in der EU konfrontiert. Aus einer groß angelegten B... weiterlesen

meistgelesen / meistkommentiert