Es sind meist die dümmsten Wörter, die Karriere machen. Stefan Gärtner

Der Guttenberg Großbritanniens

Großbritannien siecht führungslos vor sich hin, weil es David Cameron an Visionen und Charakter mangelt.

„Times“-Kolumnist Oliver Kay hat die Lage auf der Insel jüngst als führungslosen „Scherbenhaufen” zusammengefasst. Womit er wohlgemerkt die Situation der Nationalmannschaft im Mutterland des Fußballs meinte. Dabei beschreibt seine Charakterisierung mindestens ebenso treffend den politischen Zustand unter der Regierung von David Cameron.

Denn während der Premierminister in Brüssel und Washington gern den großen Zampano markiert, siecht Großbritannien weiter orientierungslos vor sich hin. Die Mittelklasse schrumpft stetig weiter, die Jugendarbeitslosigkeit hat Rekordhöhen erreicht und die Fremdenfeindlichkeit im Königreich greift im selben Maße um sich, wie der letzte, verbliebene Rest von sozialem Zusammenhalt schwindet. Derweil demaskiert sich David Cameron selbst – als Mann ohne Führungseigenschaften.

Visionslos …

Denn politische Führung lebt von Visionen, welche die Richtung einer Gesellschaft bestimmen und so spezifische Politikvorhaben in ein übergeordnetes Politik- und Wertemodell integrieren wollen. Doch sowohl Visionen als auch einen irgendwie gearteten Wertekanon sucht man bei Cameron vergebens. Und so fokussiert sich das politische Tun des Premiers und seiner konservativ-liberalen Regierung auf reines Politikmanagement, das scheinbar in einer einzigen Priorität gipfelt: der Reduzierung des britischen Hauhaltsdefizits.

Hierfür kämen Einnahmen aus der von Deutschland und Frankreich vorgeschlagenen Finanztransaktionssteuer eigentlich wie gerufen. Und dennoch hallte Angela Merkel und Nicolas Sarkozy lauthals ein „No“ aus der Downing Street entgegen. Denn die Londoner Finanzindustrie zählt nicht nur zu den wenigen verbliebenen, profitablen Sektoren der britischen Wirtschaft, sondern versieht nur allzu gern Tory-Politiker mit großzügigen Parteispenden. Und ist somit für Cameron & Co unantastbar. Stattdessen werden nun heiße Fleischpasteten (!) mit einer zwanzigprozentigen Mehrwertsteuer belegt, die der Volksmund bereits als „Pasty Tax“ („Pastetensteuer“) bezeichnet. Eine Vision der anderen Art.

… und charakterschwach

Führung manifestiert sich jedoch nicht nur im Tun eines Politikers. Mindestens ebenso wichtig sind die Charaktereigenschaften einer Führungsperson. Und hier offenbart sich Camerons zweites Problem. Denn wie einst Karl-Theodor zu Guttenberg, erweist sich der 45-Jährige zwar als wortstark, aber charakterschwach. So verwies der Regierungschef im Zuge der Pasty-Tax-Einführung darauf, wie schmackhaft seine letzte Pastete gewesen sei. Dumm nur, dass er diese an einem Stand zu sich genommen haben will, der bereits seit fünf Jahren geschlossen ist.

Eigentlich eine Lappalie. Doch reiht sie sich ein in Skandale und Skandälchen, in denen Camerons Umgang mit der Wahrheit durchaus Fragen aufwirft. So versuchte er gemeinsame Reitstunden mit der Familie von Rebekah Brooks, eine der Hauptbeteiligten am Abhörskandal der „News of the World“, ebenso zu verschleiern wie zuletzt die Anzahl von Abendessen, die er an Unternehmer gegen Spenden von mehr als einer viertel Million Pfund verhökerte.

David Cameron mag noch nicht einmal zwei Jahre im Amt sein. Doch sein Mangel an Visionen und Charakter lässt ihm bereits jetzt eine zweifelhafte Ehrung zuteil werden: Er rangiert unter den Top-Kandidaten als katastrophalster Premier in der Geschichte des Vereinigten Königreichs.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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