Europa ist nur möglich innerhalb der Welt und innerhalb der Weltwirtschaft. Gustav Stresemann

So a Schmarrn

Wulffst du noch oder Pelinkast du schon? Während wir noch über Eingriffe in die Pressefreiheit diskutieren, hat unser österreichischer Nachbar selbige einfach abgeschafft.

Politisch überkorrekt; willfährige Befolger von Recht und Gesetz; immer alles ins Negative ziehend – so sind wir Deutschen. Und deshalb sehen wir dank einer winzigen Mailbox-Nachricht den Rubikon gleich zum zweiten Mal überschritten und unsere ach so heilige Pressefreiheit bedroht. Was a Schmarrn! Stattdessen sollten wir uns ein Beispiel an unseren österreichischen Nachbarn nehmen – die haben das unnötige Ding nämlich mir nichts, dir nichts abgeschafft. Das geht. Zumindest in Wien. Und noch viel mehr …

Bewerben Sie sich (bitte nicht)!

Da hätten wir beispielsweise ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Der hat sich auf die Suche nach einem neuen Büroleiter gemacht und mehr als dreitausend Bewerbungen für die mit jährlich knapp 80.000 Euro vergütete Stelle bekommen. All dies, NACHDEM er den Job bereits mit Niko Pelinka, dem 25-jährigen Nachwuchs-Star der SPÖ, besetzt hatte.

Wir deutschen Kleingeister mögen hier gleich doppelt die Nase rümpfen. Denn wir haben ja an allem etwas auszusetzen und so würden wir uns mit Sicherheit echauffieren, dass Pelinka im vergangenen Jahr als Mitglied des ORF-Stiftungsrats maßgeblich an Wrabetz’ Wiederwahl beteiligt und diese sogar aktiv organisiert hat. Nicht so der Wiener. Der sieht das Gesamtbild und daher rechnet uns Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter vor, dass demnächst auch „die Grünen einen Fahrradbeauftragten“ und die konservative ÖVP „einen Kontrolleur für die Wetterkameras zwischen Maria Zell und dem Waldviertel“ beim ORF stellen werden. Denn schließlich brauchte Wrabetz auch ihre Stimmen zur Verlängerung seines Mandats. Die SPÖ kriegt halt mehr, weil sie an der Regierung ist. Hat ja auch Sinn …

Alle sind sich nah und „sympathisch“ …

Ich weiß bereits, was kommt. Sie wollen sofort wieder die moralische Keule aus dem Schrank holen und von Bestechlichkeit, Vorteilsnahme und -gewährung faseln. Allein schon das Wort „Bestechlichkeit“ ist typisch deutsch, klingt es doch hart, unnachsichtig und anklagend. Da sind uns die Österreicher einen Schritt voraus, können sie doch auf den lieblichen, einen sanft umschmeichelnden Begriff „Naheverhältnis“ zurückgreifen.

Und Naheverhältnisse gibt es im politisch-medialen Komplex in Felix Austria zur Genüge. Glauben Sie nicht? Hier eine Kostprobe aus einem Interview der österreichischen Tagesschau „Zeit im Bild“ mit Kanzleramtsstaatssekretär Josef Ostermayer (ebenso wie Bundeskanzler Werner Faymann von der SPÖ). Wie die „ZiB“ aufmerksam macht,

„… [ist] eine Pressesprecherin des Kanzlers mit dem Innenpolitikchef der ‚Kronen‘-Zeitung verheiratet, der Bundeskanzler seit seinen Jugendtagen mit dem Herausgeber der Tageszeitung ‚Österreich‘ … befreundet, und Ihre Pressesprecherin wiederum ist mit dem Geschäftsführer der Boulevardzeitung ‚Heute‘ verheiratet, der wiederum ein ehemaliger Pressesprecher von Herrn Faymann ist …“ *

Solche Beziehungen mögen für uns Piefkes problematisch sein, für die Alpenrepublik im Allgemeinen und Ostermayer im Besonderen sind sie es nicht. Denn „[w]enn man in diesem Bereich tätig wird, kommt’s halt manchmal vor, dass sich Menschen sympathisch finden“. Und jetzt wissen wir auch, was uns wirklich von den Österreichern unterscheidet: menschliche Nähe und Sympathie.

Denn wenn ein Volk genügend von diesen Tugenden besitzt, braucht es gar keine Pressefreiheit. Und so werden wir uns zukünftig zwischen Arlberg- und Reschenpass fragen lassen müssen: Wulffst du noch oder Pelinkast du schon? Bitte. Danke.

*
Das Interview wurde am 19.09.2011 ausgestrahlt. Entgegen der Aussage der „ZiB“ waren die Pressesprecherin Ostermayers und der Geschäftsführer der Boulevardzeitung „Heute“ nicht verheiratet, lebten aber in einer Beziehung.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Oesterreich, Christian-wulff, Pressefreiheit

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
24.12.2018

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
07.08.2018

Debatte

76 Prozent der Deutschen sind Seehofers Meinung

Medium_f437e1a41e

Die Mehrheit der Deutschen für Seehofers: „Nein, Der Islam gehört nicht zu Deutschland“

Kaum in Berlin zum Innenminister vereidigt hatte der frühere Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer mit einem Zitat für Schlagzeilen gesorgt. „Nein, Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, sag... weiterlesen

Medium_8426ca01d8
von Egidius Schwarz
19.03.2018
meistgelesen / meistkommentiert