Zwergenaufstand im Reich der Riesen?

Mark T. Fliegauf9.11.2011Außenpolitik, Innenpolitik

Eine wohlwollende Replik auf Josef Joffe: Sarkasmus ist keine Antwort.

Sehr geehrter Herr Joffe, es hat mich sehr gefreut, dass Sie – im Gegensatz zur “Redaktion des Handelsblatts”:http://www.handelsblatt.com/ – ebenso offen wie offensiv auf die “Bedenken Martin Eiermanns”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/8738-plagiat-im-handelsblatt?page=2 geantwortet haben. Und dennoch fĂ€llt es mir schwer, den bisweilen zur Polemik neigenden Sarkasmus Ihrer Reaktion nachzuvollziehen.

Wenn aus Zwergen Riesen werden (wollen)

Zumal dieser darauf abzielt, Herrn Eiermann ein unlauteres Motiv seiner Kritik zu unterstellen. Schreiben Sie “doch in Ihrer Antwort”:http://theeuropean.de/josef-joffe/8763-reaktion-von-josef-joffe: bq. „,Give me a break’, stöhnt man auf Englisch; lass die Kirche im Dorf. … Ein Plagiat ist, wenn man originelle Gedanken oder Forschungsdaten von anderen nimmt, nicht, wenn man millionenfache Erfahrungen und Reaktionen beschreibt. Und wenn man eine Anregung aufnimmt und weiterentwickelt – in meinem Fall mit neuen Beispielen und anderen Gedanken – ist das auch Gedankenklau? *Dem Staatsanwalt sind solche ErwĂ€gungen egal. Ihm geht es um die Verurteilung und den eigenen Ruhm, nicht um die ganze Wahrheit.*“ Doch Martin Eiermann ist weder Staatsanwalt noch will er sich auf dem RĂŒcken vermeintlicher Riesen selbst in den journalistischen Olymp hieven. Ihm selbiges zu unterstellen, mag bequem sein. Richtig ist es dennoch nicht. Nicht nur weit interessanter, sondern auch zielfĂŒhrender, ist hingegen die Frage, was denn ein Plagiat zu eben solchem macht – und was nicht.

Wenn Riesen richten

So hat denn ein wahrer Riese des deutschen Journalismus im Zuge des literarischen Plagiatsfalls Helene Hegemann im vergangenen Jahr zu eben jener Frage eingeworfen: bq. „Worte sind Eigentum – wie Patente und HĂ€user. Das Plagiat ist die schlimmste SĂŒnde, die ein Wissenschaftler begehen kann. Warum tun wir uns dann so schwer in der Causa Hegemann, das Ding beim Namen zu nennen? Wegen des »Literaturvorbehalts«? Weil die Autorin aus ganzen SĂ€tzen und AbsĂ€tzen etwas anderes, Besseres gemacht habe?” Dieser Riese, Herr Joffe, “waren Sie”:http://www.zeit.de/2010/08/Helene-Hegemann-Plagiat. Und Sie haben mir, ebenso wie Martin Eiermann, aus dem Herzen gesprochen. Auch weil sie Frau Hegemann nicht so einfach haben davonkommen lassen: bq. „Von der Autorin wĂŒnscht man sich ein Quantum an Zerknirschung oder, wie es frĂŒher hieß: »WohlanstĂ€ndigkeit«. Stattdessen bemĂŒht sie das Vokabular der Postmoderne, als hĂ€tte sie ihre ganzen 17 Jahre im Foucault-Seminar verbracht. Sie empfinde es nicht als »geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe«. Ist der Vergaser nicht geklaut, wenn ich ihn in mein Auto einbaue?“ Was aber, so frage ich mich, unterscheidet die Karosserie Ihres Handelsblatt-Beitrags – immerhin stammt ein Großteil Ihrer Argumentationslinien und Beispiele von “Craig Lamberts OpEd”:http://www.nytimes.com/2011/10/30/opinion/sunday/our-unpaid-extra-shadow-work.html?pagewanted=all – vom Hegemann’schen Vergaser? Ja, Sie haben diese Karosserie in einen „anderen und eigenen Kontext“ eingebaut – bleibt das Chassis nicht dennoch dasselbe?

Jenseits von Riesen und Zwergen

Und dennoch kann ich den Stil Ihrer Antwort teilweise nachvollziehen, weil Eiermann das Diktum vom “nanos gigantium humeris insidentes”:http://en.wikipedia.org/wiki/Standing_on_the_shoulders_of_giants so unglĂŒcklich in seinen Beitrag eingefĂŒgt hat. Sie sind fĂŒr mich sowohl ein journalistischer als auch ein akademischer Riese gewesen. Gerade auch deshalb weil Sie nie den einfachen und bequemen Weg gegangen sind. Sie werden weiterhin dieser Riese bleiben. Ein Riese, der nun menschlicher geworden ist, weil auch er einmal einen Fehler gemacht hat. Ein Riese, dem jedoch die (selbst)kritische Auseinandersetzung um Inhalte weit besser zu Gesicht steht als Polemik und Sarkasmus – gerade wenn er sich mit einem journalistischen „Zwergenaufstand“ konfrontiert sieht


KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Terror von Links wird nicht bekÀmpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und RettungskrÀfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Die USA praktizieren den Terror

US-PrĂ€sident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste LĂŒge.

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafĂŒr ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurĂŒckzufĂŒhren.

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig ĂŒber das Werben von CSU-Chef Markus Söder fĂŒr einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und ĂŒber die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen VolksmobilmachungskrÀfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurĂŒck

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzĂ€hlen wĂŒrde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu