Schlager ist so eine Art Flucht für die Menschen. Dagobert Jäger

Zwergenaufstand im Reich der Riesen?

Eine wohlwollende Replik auf Josef Joffe: Sarkasmus ist keine Antwort.

Sehr geehrter Herr Joffe,

es hat mich sehr gefreut, dass Sie – im Gegensatz zur Redaktion des Handelsblatts – ebenso offen wie offensiv auf die Bedenken Martin Eiermanns geantwortet haben. Und dennoch fällt es mir schwer, den bisweilen zur Polemik neigenden Sarkasmus Ihrer Reaktion nachzuvollziehen.

Wenn aus Zwergen Riesen werden (wollen)

Zumal dieser darauf abzielt, Herrn Eiermann ein unlauteres Motiv seiner Kritik zu unterstellen. Schreiben Sie doch in Ihrer Antwort:

„,Give me a break’, stöhnt man auf Englisch; lass die Kirche im Dorf. … Ein Plagiat ist, wenn man originelle Gedanken oder Forschungsdaten von anderen nimmt, nicht, wenn man millionenfache Erfahrungen und Reaktionen beschreibt. Und wenn man eine Anregung aufnimmt und weiterentwickelt – in meinem Fall mit neuen Beispielen und anderen Gedanken – ist das auch Gedankenklau? Dem Staatsanwalt sind solche Erwägungen egal. Ihm geht es um die Verurteilung und den eigenen Ruhm, nicht um die ganze Wahrheit.

Doch Martin Eiermann ist weder Staatsanwalt noch will er sich auf dem Rücken vermeintlicher Riesen selbst in den journalistischen Olymp hieven. Ihm selbiges zu unterstellen, mag bequem sein. Richtig ist es dennoch nicht.

Nicht nur weit interessanter, sondern auch zielführender, ist hingegen die Frage, was denn ein Plagiat zu eben solchem macht – und was nicht.

Wenn Riesen richten

So hat denn ein wahrer Riese des deutschen Journalismus im Zuge des literarischen Plagiatsfalls Helene Hegemann im vergangenen Jahr zu eben jener Frage eingeworfen:

„Worte sind Eigentum – wie Patente und Häuser. Das Plagiat ist die schlimmste Sünde, die ein Wissenschaftler begehen kann. Warum tun wir uns dann so schwer in der Causa Hegemann, das Ding beim Namen zu nennen? Wegen des »Literaturvorbehalts«? Weil die Autorin aus ganzen Sätzen und Absätzen etwas anderes, Besseres gemacht habe?”

Dieser Riese, Herr Joffe, waren Sie. Und Sie haben mir, ebenso wie Martin Eiermann, aus dem Herzen gesprochen. Auch weil sie Frau Hegemann nicht so einfach haben davonkommen lassen:

„Von der Autorin wünscht man sich ein Quantum an Zerknirschung oder, wie es früher hieß: »Wohlanständigkeit«. Stattdessen bemüht sie das Vokabular der Postmoderne, als hätte sie ihre ganzen 17 Jahre im Foucault-Seminar verbracht. Sie empfinde es nicht als »geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe«. Ist der Vergaser nicht geklaut, wenn ich ihn in mein Auto einbaue?“

Was aber, so frage ich mich, unterscheidet die Karosserie Ihres Handelsblatt-Beitrags – immerhin stammt ein Großteil Ihrer Argumentationslinien und Beispiele von Craig Lamberts OpEd – vom Hegemann’schen Vergaser? Ja, Sie haben diese Karosserie in einen „anderen und eigenen Kontext“ eingebaut – bleibt das Chassis nicht dennoch dasselbe?

Jenseits von Riesen und Zwergen

Und dennoch kann ich den Stil Ihrer Antwort teilweise nachvollziehen, weil Eiermann das Diktum vom nanos gigantium humeris insidentes so unglücklich in seinen Beitrag eingefügt hat. Sie sind für mich sowohl ein journalistischer als auch ein akademischer Riese gewesen. Gerade auch deshalb weil Sie nie den einfachen und bequemen Weg gegangen sind.

Sie werden weiterhin dieser Riese bleiben. Ein Riese, der nun menschlicher geworden ist, weil auch er einmal einen Fehler gemacht hat. Ein Riese, dem jedoch die (selbst)kritische Auseinandersetzung um Inhalte weit besser zu Gesicht steht als Polemik und Sarkasmus – gerade wenn er sich mit einem journalistischen „Zwergenaufstand“ konfrontiert sieht…

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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