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Fleischwolf-Economics

Schrecklicher Verdacht: Ist Jan Fleischhauer Sozialist? Warum würde er sonst ökonomischen Sinn und journalistisches Ethos so ungeniert durch den ideologischen Fleischwolf drehen …?

Ab in den Kohlenkeller! Denn die Spartakisten patrouillieren wieder durch die Straßen. Gut, nicht in Berlin, Leipzig oder – Gott bewahre! – München. Dafür aber in der Brutstätte des Neosozialismus: New York, Washington und Los Angeles. Ihre Ziele: die Re-Regulierung des internationalen Finanzsystems und die Rückkehr zum gemäßigten Marktmodell. Oder in den Worten Jan Fleischhauers: „linke Sozialisierungspläne“.

Besondere Verachtung gebührt dabei der neuen Avantgarde des sozialistischen Klassenkampfes: dem „Luxuslinken“ à la George Soros. Verstößt doch selbiger gegen das oberste Gebot in Fleischhauers ideologischem Kapitalismus-Katechismus: Entweder „Fressen“ oder „Moral“! Beides zusammen, zumal gepaart mit wirtschaftlichem common sense, geht nun wirklich nicht …

Fleischwolf-Economics

Schon gar nicht für Soros, der sich augenscheinlich nicht nur zum Kopf der Kommunistischen Internationalen, sondern zudem zum Euro-Bonditen aufgeschwungen hat; fordert er doch tatsächlich deutsche Finanzhilfen für EU-Schuldenländer. Die Rückkehr des Marxismus! Und so insinuiert Fleischhauer:

Was Soros sich bei seinen Empfehlungen denkt, ist nicht so schwer zu erraten. Auch der Spekulant braucht das Geld des Staats, derzeit mehr denn je, das verbindet ihn mit dem Hartz-IV-Empfänger. Vielleicht hat Soros auch gerade eine Wette gegen den Euro laufen.

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist er ja von finanzpolitischer Rationalität getrieben. Denn wenn, so Soros, Euro-Bankeinlagen im Falle einer griechischen Insolvenz nicht mehr bedient werden würden, verlören solche Einlagen in allen Schuldenländern an Wert und würden nicht nur zu Bankenstürmen von Italien bis Portugal führen, sondern auch das deutsche und französische Bankensystem schwer beschädigen. Resultat: Eine weltweite Rezession, vor der nicht nur der bekennende Leninist Alan Greenspan warnt, sondern deren Mechanismus von den Ökonomen Akerlof und Shiller eindrucksvoll beschrieben wird.

Aber im kapitalistischen Abwehrkampf darf man nun mal nicht zimperlich sein und muss die Tentakel der um sich ufernden sozialistischen Krake ungehemmt durch den ideologischen Fleischwolf drehen. Und durch selbigen laufen nicht nur widerspenstige Argumente, sondern auch all jene Fakten, die nicht ins vorgefasste Fleischhauer’sche Narrativ passen.

Fleischwolf-Journalismus

Dabei mag man dem letzten Verfechter des Kapitalismus ja verzeihen, dass er die amerikanische Klassenkampf-Debatte, die sich um den anderen Milliardärssozialisten Warren Buffett entsponnen hat, einfach mit einem ausgetauschten Protagonisten kopiert. Zumal er sich damit mutig den intellektuellen Niederungen der Freiheitskämpferin Sarah Palin und anderer Fox-News-Koryphäen wie Neil Cavuto oder Sean Hannity nähert (welche Jon Stewart hier und hier grandios exponiert).

Und auch dass seine Passagen über Soros’ publizistisches Schaffen doch sehr den Einlassungen von Nassim Nicholas Taleb ähneln, sei im Dienste der Sache verschwiegen. Beim journalistischen Waterboarding treten dann aber doch (konfessionslos-)ethische Bauchschmerzen auf. So konstatiert Fleischhauer über Soros:

Besonders gern gesehen ist der Anlageexperte in Deutschland, wo man ihn nicht nur für einen Kenner der Finanzmärkte, sondern auch für einen bedeutenden Intellektuellen hält. Dass Soros in seinem Heimatland USA lange nicht den Ruf genießt, den er bei uns hat, kümmert hier keinen.

Warum aber reiht dann das Project Syndicate den ebenso radikalen wie belächelten Revoluzzer Soros zwischen U-dSSR-S-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern, Ökonomie-Nobelpreisträgern und Staatschefs aus aller Welt ein? Warum liefert es seine durchaus regelmäßigen Beiträge an über vierhundert Zeitungen in 150 Ländern? Hat Fleischhauer etwa die Dimension der sozialistischen Konterbewegung unterschätzt? Die über uns hereinbrechende Hartz-IV-Tyrannei zu spät kommen sehen?

Oder gibt es noch eine andere Erklärung? Man mag es sich gar nicht ausmalen, aber vielleicht spielt uns Jan Fleischhauer ja nur den advocatus diaboli und will uns mit seinem Traktat von der zeitlosen Weisheit der Lenin’schen Lehren überzeugen! Immerhin war es Letzter, der uns die Parole mit auf den revolutionären Weg gegeben hat: „Nicht aufs Wort glauben, aufs Strengste prüfen – das ist die Losung der marxistischen Arbeiter.“

Fünfte Kolonne, ich hör dir trapsen …

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