Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele. Maxim Gorki

Astrologie-Journalismus

Die BILD hat ein neues Genre erfunden: den astrologisch-inspirierten Journalismus. Und dieser fördert erstaunliche Wahrheiten zutage – nicht nur im Fall Ballack.

Weicht zur Seite, Jeff Jarvis und Arianna Huffington! Blogs, Online-News und Content-Aggregation waren gestern. Seit heute sind wir Zeugen einer neuen Revolution, welche die Medienlandschaft von Grund auf verändern wird: Astrologie-Journalismus! Sie haben richtig gehört: Astrologie-Journalismus. Und wer hat ihn erfunden? Die „Bild“. Da sag noch einer, das Boulevardblatt sei in Wirklichkeit ein ALDI-Prospekt

Ganz im Gegenteil! Schließlich katapultieren „Bild“-Zampano Kai Diekmann und seine stellvertretende Chefredakteurin Marion Horn den deutschen Journalismus in neue Galaxien – dank des Rückgriffs auf bewährte Himmelskörper. Und dies ausgerechnet in der Berichterstattung über einen, dessen Stern gerade am Verglühen ist: Michael Ballack.

Ballack und die Sterne

Michael Ballack wird eigentlich nicht mehr gebraucht. Nicht mehr in der Nationalmannschaft. Nicht mehr bei Bayer Leverkusen. Und schon gar nicht mehr bei „Bild“. Wobei, ein allerletztes Mal ist der ehemalige Starkicker noch für eine Schlagzeile gut. Denn Ballacks Ehe stehe vor dem Aus. Nur über die Gründe der Ballack’schen Trennung können Diekmann und Horn nicht wirklich berichten – und da ist sie: die Geburtsstunde des Astrologie-Journalismus.

Denn wo die weltlichen Fakten entweder nicht ausreichen oder nicht publizierbar sind, genügt der „Bild“ ein ebenso tiefer wie bedeutungsschwangerer Blick in die Sterne, um durch den Nebelschleier von Mutmaßungen und Gerichtsbeschlüssen den wahren Michael Ballack zu sehen: „Er ist Sternzeichen Waage – denen sagt man ein weites Herz nach. Sie sind ständig verliebt und leider nicht immer nur in EINE Frau.“

Welch eine Methode! Genial! Wahnsinn! Legitim? Egal! Aber warum räumt die „Bild“ der Causa Ballack überhaupt so viel „Spielraum“ ein? Fragen wir doch die Sterne …

Horn und andere Steinböcke

Marion Horn, Verfasserin des Ballack-Artikels, hatte es mit Ihren 35 Jahren schnurstracks zur stellvertretenden Chefredakteurin der „Bild“ gebracht. Kein Wunder, ist sie doch Sternzeichen Steinbock und der Steinbock-Frau sagt man bekanntlich nach, dass sie ehrgeizig und tatkräftig sei. „Trotzdem sehnt sie sich nach Liebe, nach Zärtlichkeit und Verständnis. Der Partner, der ihr das zu geben versteht, wird sie für sich gewinnen. … Und dennoch: Die Steinbock-Frau ist keinesfalls berechnend. Der Mann, der sie zur Lebenspartnerin erwählt, muss wissen, dass hinter ihrem oftmals abweisenden Äußeren eine zart besaitete Seele wohnt.“

Hm, widmet sich Marion Horn dem Fremdgeher Ballack deshalb so intensiv, weil ihr Verlangen nach Liebe, Zärtlichkeit und Verständnis über Jahre von ihren Kollegen und/oder Vorgesetzten bei der „Bild“ in bester Ballack-Manier für schmutzigen, billigen Sex missbraucht worden ist? In ihren eigenen Worten: „Es gab und gibt böse Gerüchte in diese Richtung.“ Nicht was Frau Horn persönlich betrifft, wohl aber über das Sexualverhalten leitender „Bild“-Angestellter …

Spricht Frau Horn dabei für sich allein oder auch für andere? Immerhin erinnert ihr steiler Karriereweg in der „Bild“-Redaktion an den Katja Kesslers, der jetzigen Ehefrau Kai Diekmanns. Auch sie ist Steinbock. Zufall? Da fällt mir eine Episode vor zwei Jahren ein: Ich wollte gerade meine Freundin am Berliner Gendarmenmarkt fotografieren, als Kai Diekmann an uns vorbeischritt und sich beinahe seinen Hals verrenkte, um auch noch die letzte Chance auf einen Blick in den Ausschnitt ihres Sommerkleids wahrzunehmen. Vielleicht fühlen sich ja die Steinbock-Frauen der „Bild“ durch Michael Ballack an ihre eigenen Männer erinnert?

Das zumindest suggeriert der Rückgriff auf die Sterne – und damit einhergehende Gerüchte … Ha, eine wahrliche Revolution, dieser Astrologie-Journalismus!

Update: In der ursprünglichen Version dieses Text konnte der Eindruck entstehen, Frau Horn sei erst 35. Wir haben dies auf Wunsch des Autors korrigiert.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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