In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Jean Ziegler

24h Ausnahmezustand

Unser Kolumnist wandert durch London, Impressionen und Gedankengänge. Von Tottenham zu Schirrmacher, von Griechenland zum wöchentlichen Feueralarm.

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Italienische Cafés, schmucke Bars, Dandys mit Weißwein in der Hand – und Geliebtem im Arm. Ich biege zweimal nach rechts und komme in die Old Compton Street. Im Herzen Londons. Gerade haben wir ein wunderbares Abendessen genossen. In einem libanesischen Restaurant. Bauchtanz inklusive. Nun stehe ich an der Ecke. Ich sehe Blaulichter, höre Polizeisirenen. Und zucke zusammen.

Zwei Tage vorher hat Tottenham gebrannt. Zehn Kilometer Luftlinie. Nordöstlich. Und doch Welten entfernt. Das ist also die Hauptstadt des – angeblich – Vereinigten Königreichs. Das schon vor den Riots in sechzig Millionen Atome zersplittert ist. Seit knapp zwei Jahren lebe ich nun hier. Und jeden Tag mehr gleicht dieses Land einer riesigen Plantage.

Eine Zahl. Ein Auto. Eine Wand von Kameras.

Am nächsten Morgen diskutiere ich mit meinen Studenten eine Zahl: 109.000.000.000. Euro. Griechenland. Bailout. Steuergelder. Ich denke an eine griechische (Ex-)Ministerin. Deren Mann dem Fiskus fünf Millionen Euro schuldet. Und an meinen Mitbewohner. Ex-Mitbewohner. Dessen Familie gut sechs Milliarden Euro schwer ist. Er ist ausgezogen. Nach Chelsea. Sein Zimmer habe ich geputzt. Er konnte einfach nicht. Sein Auto steht dafür noch im Hof. Denn er ist erst einmal im Urlaub. In Griechenland – welch Ironie! Da stört es nur. So parkt mein neuer Mitbewohner auf der Straße …

Derweil plündern sie in Hackney. Kosmetika und Turnschuhe. Während ich in Westminster zwei Raucher schimpfen höre. Das Parlament ist einbestellt. Ihr Urlaub damit beim Teufel. Ich gehe zu meinem Hotel. Und stehe vor einer Wand von Kameras. Direkt vor Scotland Yard. Zwanzig Meter weiter: Mein Hotel. Zwei Pagen. Schimpfen auch. Sie sind zur Doppelschicht verdonnert. Ihren Kollegen hat’s erwischt. Ob in Hackney oder Tottenham – ich weiß es nicht.

Schirrmacher, Morgenthau – und der Feueralarm.

Und langsam kommen sie ins Zweifeln. Die Grübler: Charles Moore in London. Frank Schirrmacher in Frankfurt. Die sich ihre eigene Meinung bilden. Jenseits von Doktrinen. Welche des Gefälles Gewahr werden. Und erkennen, dass dies nicht nachhaltig sein kann. Irgendwann explodieren muss. In der direkten Form – oder der indirekten. Ich sehe John Heartfields Porträt vor mir. Und sein groteskes „War and Corpses“ an der Wand. Tate Modern.

Während meine Studenten über Hans Morgenthau streiten. Die „animus dominandi“ – das menschliche Streben nach Macht und Dominanz. Und die Grenzen, die der Anstand ihr setzt. Moore und Schirrmacher verschwimmen hinter Broder und De Lisle. Die Grübler weichen den Selbstsicheren. Die weder Fakten noch Reflexionen fürchten. Und beides meiden. Dann zucke ich wieder. Erneut eine Sirene. Der wöchentliche Feueralarm … Passend!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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