In Deutschland heisst es Jugend forscht. In England heisst es Petting. Harald Schmidt

(Nicht-)Ansichten eines Clowns

Für die FDP wird der Komödienstadel um Jorgo Chatzimarkakis zur Tragödie. Denn Philipp Röslers Nicht-Positionierung befördert die FDP noch tiefer in die Glaubwürdigkeitskrise.

Es geht bergab mit Hans Schier. So weit, dass er am Ende geistesabwesend vor dem Bonner Bahnhof sitzt und über die Saiten seiner Gitarre streicht. Ich weiß nicht, ob auch Philipp Rösler Gitarre spielt. Wenn er es tut, dann ganz sicher nicht am Berliner Hauptbahnhof. Und doch komme ich, wenn ich an den derzeitigen Zustand der FDP denke, immer auf Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ zurück.

Dabei hätte doch alles anders, alles besser werden sollen. So war zumindest die Hoffnung vor zwei Monaten auf dem Rostocker Parteitag. Doch mit Guido Westerwelle sind die Sorgen der Partei eben nicht verschwunden – ganz im Gegenteil. Denn Philipp Rösler hat sich zwar flugs als harter Streiter für die liberale Sache präsentiert, nur um sich dann ebenso schnell als zahnloser Dompteur eines Käfigs von Blendern und Heuchlern herauszustellen. Die Quittung: Die FDP schlittert noch tiefer in die Glaubwürdigkeitskrise und verbleibt damit im wahltechnischen Jammertal (oder numerisch: bei vier Prozent).

Ein Wortakrobat als Clown

Wenn die Affäre für die Liberalen nicht so tragische Konsequenzen tätigte, könnte man über die Causa Chatzimarkakis herzhaft lachen. Denn Jorgo Chatzimarkakis hat sich in den vergangenen Wochen als Wortakrobat mit anscheinend infinitem komödialen Potenzial herausgestellt: „Intertextualisiert“ hat der 45-Jährige also in seiner Dissertation; eine revolutionäre Methode, die er in Oxford gelernt zu haben glaubt, auch wenn diese – zumindest nach meiner Erfahrung des vergangenen Jahres – dort weitestgehend unbekannt zu sein scheint.

Chatzimarkakis mag sein Mandat im Europaparlament – immerhin mit 6.000 Euro netto im Monat vergütet – aus rein idealistischem Antrieb behalten wollen. Und es mag sogar für seinen Ehrgeiz sprechen, dass er umgehend eine neue Promotion anstrebt. Für die FDP gleicht der Komödienstadel um ihre(n) Plagiatoren jedoch einer Tragödie, fordert sie doch stets das Leistungs- und Eigenverantwortungsprinzip als gesellschaftliche Leitwerte ein.

Nicht-Ansichten eines Parteichefs

Es ist diese perzipierte Diskrepanz, die an der Glaubwürdigkeit der Liberalen zehrt. Und dies muss sich nicht zuletzt Philipp Rösler zuschreiben. Allzu vornehm hat sich der Parteichef in der Diskussion um Chatzimarkakis und Koch-Mehrin zurückgehalten. Eine Strategie, die nicht aufgegangen ist. Denn weniger als ein Drittel der Wähler stellt Rösler ein gutes Arbeitszeugnis aus.

Knapp zehn Jahre ist es her, als mir ein Liberaler erklärte, dass sich die Grünen mit der Einführung von Ökosteuer und der Durchsetzung des Atomausstiegs selbst obsolet gemacht hätten. So kann man sich täuschen! Stattdessen kämpft die FDP im Jahr 2011 nach wie vor ums politische Überleben. Und die Nicht-Ansichten ihres neuen Vorsitzenden sind ihr dabei sicher keine Hilfe.

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