Die Merkel-Regierung hat die Vorschusslorbeeren nicht zu nutzen gewusst. Andrea Nahles

Die Schamlosgesellschaft

Kennen wir noch Schamgefühl, wundert sich unser Autor. Oder haben wir einfach aufgehört, uns zu schämen? Und wenn ja, ist dies ein Zeichen unseres gesellschaftlichen Fortschritts oder Ausdruck ihres Regresses?

Auf dem Weg zur Arbeit: Erst schneidet sich ein Mittzwanziger in die Busschlange, was in England einem Sakrileg gleichkommt. Dann hat ein Enddreißiger offensichtlich kein Problem damit, seinen Hund gegen zwei abgestellte Fahrräder pinkeln zu lasen. Und auf den letzten Metern zum Büro offenbart eine Fünfzigjährige der Welt ihre Konturen in einem durchsichtigen (!) Oberteil und lässt mich mit einer Frage zurück: Kennen wir noch Scham?

Denn Scham ist ein Verlegenheitsgefühl, das heute anscheinend ausgedient hat. Und damit meine ich nicht die Scham vor körperlicher Entblößung. Mit der kann es jeder halten, wie er will. Mir geht es um das Gefühl, das uns überkommen sollte, wenn wir soziale Normen verletzen, unehrlich sind, oder Handlungen vollziehen, die eigentlich unserer Achtung zuwiderlaufen.

Ich schäme mich nicht (mehr)

Eben dieses Schamgefühl überkommt uns stetig weniger und manchen Zeitgenossen ist es offensichtlich gänzlich verloren gegangen. Nur so ist wohl zu erklären, dass Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis kein Problem darin gesehen haben, sich in einen Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie berufen zu lassen, während der einen gerade der Doktorgrad entzogen wurde und dem anderen selbiges Szenario droht (an die Rückgabe ihrer Parlamentsmandate denken beide nicht).

Ähnlich, wenngleich weit weniger drastisch, verhalten sich die Bundestagskollegen, welche gerade darüber debattieren, ob der Bürger via Steuersenkungen am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben darf. Die eigenen 7.668 Euro pro Monat lassen sich dagegen ohne große Diskussion aufstocken.

Derweil versucht das Netzwerk LinkedIn, komplett schamfrei an neue Mitglieder zu kommen. Erst verschleiert die Seite, dass nicht nur ausgewählte Bekannte eingeladen werden, sondern solche „Einladungen“ an ALLE Kontakte im Adressbuch des Nutzers gehen. Und all diejenigen, die LinkedIn nicht beitreten, werden daraufhin über Wochen mit automatisch generierten „Erinnerungs-E-Mails“ genervt. (Full disclosure: der Autor entschuldigt sich seit DREI Wochen bei diversen Empfängern!)

Scham und Zivilisierungsgrad

Zu guter Letzt genügt ein Blick ins abendliche Fernsehprogramm der Privaten, um bei mir eine Gänsehaut zu erzeugen. Denn meistens kann ich nicht schnell genug wegkucken oder umschalten. Und schon setzt sie ein: die Fremdscham. Bisweilen ist es noch lustig zuzusehen, wie sich „Gesangskünstler“ bei „DSDS“ zum Affen machen. Oftmals nicht.

Scham ist eine Errungenschaft, die erst mit steigendem Zivilisierungsgrad einsetzt. Viele Naturvölker kennen das Gefühl nur in begrenztem Maß. Was sagt dann aber die zunehmende Abstumpfung unseres Schamgefühls über uns aus? Wir können argumentieren, dass die Entwicklung von Scham wohl einer inversen U-Form folgt. Somit ist die Abnahme von Scham lediglich Ausdruck des stetig steigenden Zivilisierungsgrades unserer Gesellschaft. Oder aber der Ausdruck ihres Regresses.

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