Unter Schustern

Mark T. Fliegauf22.02.2011Außenpolitik, Innenpolitik

Die vierte Gewalt im Staate meldet sich eindrucksvoll zurück. Die Causa Guttenberg ist der Sieg des Qualitätsjournalismus gegen die Palinisierung unserer Politik.

Im Spätherbst des Jahres 1906 trat Friedrich Wilhelm Voigt vor das Landgericht Berlin II und musste „feststellen, dass ich gravierende Fehler gemacht habe. Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht, ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht.“ Dennoch wurde der Schuster, der sich mit einer zusammengewürfelten Uniform und einigen Soldaten der Stadtkasse von Köpenick bemächtigt hatte, zu vier Jahren Haft verdonnert. Natürlich hat der Hauptmann von Köpenick vorsätzlich getäuscht. Ebenso wie sein inoffizieller Nachfolger, Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen Worte ich dem guten Voigt kurzerhand in den Mund gelegt habe. Beide haben BETROGEN. Denn wer eine Dissertation einreicht, die auf über “70 Prozent der Seiten(Link)”:http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki Plagiate aufweist, hat mehr als nur „handwerkliche“ Fehler gemacht. Und beide sind erwischt worden. Der Hauptmann von der dritten, der Freiherr von der vierten Gewalt im Staate. Der Qualitätsjournalismus, allzu oft dem vermeintlichen Untergang geweiht, hat sich im Fall Guttenberg eindrucksvoll zurückgemeldet und bewiesen: Selbst in der Politik hat “Hochstaplerei”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/5834-guttenberg-bleibt-kontrovers ihre Grenzen.

Die Rückkehr des Qualitätsjournalismus

So weiß denn auch KTzG, bei wem er sich für seinen – selbst verschuldeten – Schlamassel zu bedanken hat und stellt während seiner “Verteidigungsrede in Kelkheim(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746888,00.html klar: „Ich bin bereit, mich vor die Öffentlichkeit zu stellen und nicht nur vor die Hauptstadtpresse.“ Denn die Presse mag er nicht (mehr). Zu intellektuell, um sich täuschen zu lassen; zu hartnäckig, um sie wegzulächeln; und mit der Fähigkeit, unangenehm und nachhaltig zurückzuschlagen, wenn sie sich über Monate hinweg verschaukelt fühlt. Wie anders ist es da bei Maybritt Illner, Anne Will oder Sandra Maischberger! Keine Fragen, die sich nicht überspielen oder – wenn nötig – mit einer schnell ausgedachten Lüge beseitigen lassen. Nachfragen braucht ein Minister nicht zu fürchten, weil die Polit-TV-Ladys ja auf große Namen angewiesen, und somit gänzlich handzahm sind. Und so entströmen rhetorisch einwandfreie Seifenblasen von Tugend, Werten und Macherqualitäten ungehindert in die mediale Welt und direkt ins abendliche Wohnzimmer… … nur um dann an den gespitzten Bleistiften in den Redaktionen des „Spiegel“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „ZEIT“ und vor allem der „FAZ“ zu zerplatzen. Denn hier arbeiten, im Gegensatz zum kantenfreien Narzissten Reinhold Beckmann und der personifizierten Geflügelwurst Johannes B. Kerner, noch Journalisten, die vor allem an einem interessiert sind: der Wahrheit. Der Verteidigungsminister hat ohne es zu merken über Monate hinweg ein Unbehagen in allen Redaktionen geschürt. Denn sein stets gebetsmühlenartig hervorgebrachtes Werte-Mantra wollte ebenso wenig zu seinem “listig frisierten Lebenslauf(Link)”:http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E7BD0A2A6453344AB87DBA19FB3886186~ATpl~Ecommon~Scontent.html wie zu seinem “wenig luxuriösen Umgang mit der Wahrheit(Link)”:http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E077FB93A734442E0B1767418E542CFFD~ATpl~Ecommon~Scontent.html passen. Mit seinem fulminanten Gegenschlag hat der deutsche Journalismus nicht nur ein “Plädoyer für das Leistungsprinzip abgehalten(Link)”:http://www.zeit.de/studium/hochschule/2011-02/kommentar-guttenberg-plagiat, sondern auch deutlich gemacht, dass in der bundesrepublikanischen Medienlandschaft eine Strategie noch nicht funktioniert, welche in den Vereinigten Staaten dank des republikanischen PR- und Kampagnengurus Steve Schmidt mittlerweile gang und gäbe ist: Präsentiere die Unwahrheit so stetig wie selbstbewusst, und irgendwann wird aus der Lüge schließlich Wahrheit.

Guttenberg, der deutsche Palin

Letztlich haben die wirklichen Journalisten dieser Republik Karl-Theodor zu Guttenberg nicht nur als Plagiator überführt, sondern vor allem als das deutsche Pendant zu Sarah Palin: Kein Intellekt, keine Leistung, keine Werte – außer einem: die Beförderung der eigenen Karriere. So lässt es sich denn auch erklären, “warum ein deutscher Verteidigungsminister seinen Amtskollegen vor ausländischen Diplomaten anschwärzt(Link)”:http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-problem-westerwelle-plaudertasche-guttenberg-und-sein-opfer-1.1029686. Guttenberg hat keine “politische Zäsur(Link)”:http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,747013,00.html herbeigeführt, sondern seine Karriere vor die Wand gefahren. Und das ist gut so. Der unterfränkische Patrizier muss sich nun bei jedem Berliner Termin ebenso argwöhnische wie herablassende Blicke und Kommentare (selbstverständlich nur hinter vorgehaltener Hand) gefallen lassen. Und da die Kanzlerin noch mindestens eine Amtszeit dranhängen will, dürfte der Verteidigungsminister die Alaska-Variante dem jahrelangen Hohn und Spott der Berliner Republik vorziehen: Amt niederlegen, TV-Persönlichkeit werden und ordentlich Reibach machen … ganz Sarah Palin eben.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Komplize für rechten Terror

Was in Hanau passiert ist, ist mehr als Totschlag. Wir müssen es aussprechen: Es ist Massenmord. Es ist ein gezielter Angriff gegen Ausländer, Fremde, Nichtdeutsche. Egal wie man es nennt: Es war rassistischer und rechter Terror. Vielleicht war es ein Einzeltäter, aber er wurde getragen von eine

Eine Sterblichkeitsrate von 3,4 Prozent ist erschreckend hoch

Die WHO errechnet bei Coronavirus-Erkrankten eine hohe Mortalitätsrate von 3,4 Prozent. Italien meldet sogar fast 5 Prozent. Rechnerisch würden damit Millionen Todesfälle drohen. Doch Experten warnen vor falschen Hochrechnungen. Die Daten erzählen nur die halbe Wahrheit.

Neue Migrationskrise geht auf Kosten der Gesundheit der Bundesbürger

Jens Spahn hat Angst. Man musste nur die Körpersprache des Gesundheitsministers beobachten, wie er bei Maischberger am Tresen saß, um zu wissen: dieser Mann, der sich bis vor kurzem noch für Kanzlermaterial hielt, ist hilflos angesichts der Krise, der er sich gegenüber sieht. Hilflos, und heillo

Jetzt kommt Merkels große Wirtschaftskrise

In der deutschen Wirtschaft geht mittlerweile die Angst um - die Angst vor einer großen Wirtschaftskrise. Diese Krise wird kommen, und es wird zu erheblichen Teilen Merkels Wirtschaftskrise sein. Alle Schuld daran auf den drohenden Ausbruch einer Corona-Epidemie zu schieben – wie man es im Berlin

Die Ramelow-Partei will die Reichen erschießen

An diesem Wochenende trafen sich die Funktionäre der LINKEN in Kassel zu einem Strategieseminar. Auf dem Programm stand der „sozial-ökologische Systemwechsel“. Wie dieser von statten gehen soll, führte eine Funktionärin aus, nachdem sie ihre Ausführungen mit dem Satz: „Nach einer Revoluti

Merkels Rede wurde dem Ernst der Lage nicht gerecht

Leider wurde diese Rede dem von ihr selbst beschworenen Ernst der Lage nicht gerecht. Sie sagte doch tatsächlich: „Deutschland hat ein exzellentes Gesundheitssystem.“ War sie in den letzten Wochen in Urlaub?

Mobile Sliding Menu