Das Haus Europa darf kein Krankenhaus sein. Karl Dedecius

Unter Schustern

Die vierte Gewalt im Staate meldet sich eindrucksvoll zurück. Die Causa Guttenberg ist der Sieg des Qualitätsjournalismus gegen die Palinisierung unserer Politik.

Im Spätherbst des Jahres 1906 trat Friedrich Wilhelm Voigt vor das Landgericht Berlin II und musste „feststellen, dass ich gravierende Fehler gemacht habe. Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht, ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht.“ Dennoch wurde der Schuster, der sich mit einer zusammengewürfelten Uniform und einigen Soldaten der Stadtkasse von Köpenick bemächtigt hatte, zu vier Jahren Haft verdonnert.

Natürlich hat der Hauptmann von Köpenick vorsätzlich getäuscht. Ebenso wie sein inoffizieller Nachfolger, Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen Worte ich dem guten Voigt kurzerhand in den Mund gelegt habe. Beide haben BETROGEN. Denn wer eine Dissertation einreicht, die auf über 70 Prozent der Seiten Plagiate aufweist, hat mehr als nur „handwerkliche“ Fehler gemacht.

Und beide sind erwischt worden. Der Hauptmann von der dritten, der Freiherr von der vierten Gewalt im Staate. Der Qualitätsjournalismus, allzu oft dem vermeintlichen Untergang geweiht, hat sich im Fall Guttenberg eindrucksvoll zurückgemeldet und bewiesen: Selbst in der Politik hat Hochstaplerei ihre Grenzen.

Die Rückkehr des Qualitätsjournalismus

So weiß denn auch KTzG, bei wem er sich für seinen – selbst verschuldeten – Schlamassel zu bedanken hat und stellt während seiner Verteidigungsrede in Kelkheim klar: „Ich bin bereit, mich vor die Öffentlichkeit zu stellen und nicht nur vor die Hauptstadtpresse.“ Denn die Presse mag er nicht (mehr). Zu intellektuell, um sich täuschen zu lassen; zu hartnäckig, um sie wegzulächeln; und mit der Fähigkeit, unangenehm und nachhaltig zurückzuschlagen, wenn sie sich über Monate hinweg verschaukelt fühlt.

Wie anders ist es da bei Maybritt Illner, Anne Will oder Sandra Maischberger! Keine Fragen, die sich nicht überspielen oder – wenn nötig – mit einer schnell ausgedachten Lüge beseitigen lassen. Nachfragen braucht ein Minister nicht zu fürchten, weil die Polit-TV-Ladys ja auf große Namen angewiesen, und somit gänzlich handzahm sind. Und so entströmen rhetorisch einwandfreie Seifenblasen von Tugend, Werten und Macherqualitäten ungehindert in die mediale Welt und direkt ins abendliche Wohnzimmer…

… nur um dann an den gespitzten Bleistiften in den Redaktionen des „Spiegel“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „ZEIT“ und vor allem der „FAZ“ zu zerplatzen. Denn hier arbeiten, im Gegensatz zum kantenfreien Narzissten Reinhold Beckmann und der personifizierten Geflügelwurst Johannes B. Kerner, noch Journalisten, die vor allem an einem interessiert sind: der Wahrheit. Der Verteidigungsminister hat ohne es zu merken über Monate hinweg ein Unbehagen in allen Redaktionen geschürt. Denn sein stets gebetsmühlenartig hervorgebrachtes Werte-Mantra wollte ebenso wenig zu seinem listig frisierten Lebenslauf wie zu seinem wenig luxuriösen Umgang mit der Wahrheit passen.

Mit seinem fulminanten Gegenschlag hat der deutsche Journalismus nicht nur ein Plädoyer für das Leistungsprinzip abgehalten, sondern auch deutlich gemacht, dass in der bundesrepublikanischen Medienlandschaft eine Strategie noch nicht funktioniert, welche in den Vereinigten Staaten dank des republikanischen PR- und Kampagnengurus Steve Schmidt mittlerweile gang und gäbe ist: Präsentiere die Unwahrheit so stetig wie selbstbewusst, und irgendwann wird aus der Lüge schließlich Wahrheit.

Guttenberg, der deutsche Palin

Letztlich haben die wirklichen Journalisten dieser Republik Karl-Theodor zu Guttenberg nicht nur als Plagiator überführt, sondern vor allem als das deutsche Pendant zu Sarah Palin: Kein Intellekt, keine Leistung, keine Werte – außer einem: die Beförderung der eigenen Karriere. So lässt es sich denn auch erklären, warum ein deutscher Verteidigungsminister seinen Amtskollegen vor ausländischen Diplomaten anschwärzt.

Guttenberg hat keine politische Zäsur herbeigeführt, sondern seine Karriere vor die Wand gefahren. Und das ist gut so. Der unterfränkische Patrizier muss sich nun bei jedem Berliner Termin ebenso argwöhnische wie herablassende Blicke und Kommentare (selbstverständlich nur hinter vorgehaltener Hand) gefallen lassen. Und da die Kanzlerin noch mindestens eine Amtszeit dranhängen will, dürfte der Verteidigungsminister die Alaska-Variante dem jahrelangen Hohn und Spott der Berliner Republik vorziehen: Amt niederlegen, TV-Persönlichkeit werden und ordentlich Reibach machen … ganz Sarah Palin eben.

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