La Divina Satira

von Mark T. Fliegauf16.02.2011Außenpolitik, Innenpolitik

Sexy, lebensfroh und unterhaltsam – Politik in Italien macht Spaß! Dank Silvio Berlusconi. Doch wird der unüberbotene Satiriker verkannt? Ist sein Land überhaupt bereit für solch ein Genie?

„A mazza!“ ruft der Römer aus. Denn sein Regierungschef muss vor Gericht. Für ein „Vergehen“, das den italienischen Mann doch erst als solchen etabliert: Sex. Mit unzähligen Frauen. “Und jungen Mädchen noch dazu(Link)”:http://www.theeuropean.de/yascha-mounk/5485-berlusconis-italien. Dabei hat der gute Silvio doch nur ein bisschen vorgefeiert. Immerhin steht in vier Wochen Italiens hundertfünfzigster Geburtstag an. Und überhaupt: Erkennt denn niemand das Genie dieses Mannes, der als unübertroffener Satiriker dem Stiefel so schonungslos den Spiegel vorhält?

Miezen, Mafia, Mediaset

Wer von der Piazza Navona am Parlamentsgebäude vorbei zum Pantheon schlendert, kommt doch gar nicht umhin, der großen Politiker jener Zeit zu gedenken, zu welcher Rom das Caput Mundi, das Zentrum der Welt, bildete: Marcus Tullius Cicero, Tiberius Gracchus oder Cato Major; sie alle sind Sinnbilder einer langen Tradition römisch-republikanischer Politikkultur. Doch politische Kultur ist wie Pizzateig: Sie muss stets neu geknetet und ausgerollt werden, sonst schrumpft sie wieder zusammen. Niemand anderes als Silvio Berlusconi hat dies erkannt und daher seine Mission angetreten: Er will Italien wieder zum Pantheon des engagierten Bürgertums machen, selbst wenn der 74-Jährige dafür all seine sittlichen Vorstellungen – allerdings unter dreifacher Bekreuzigung – opfern muss. Er hat ja eigentlich selbst nicht geglaubt, dass er je Ministerpräsident werden könnte, weil doch hinlänglich bekannt war, dass er nur deshalb in die Politik eingetreten ist, um den Bankrott seiner Firmen und die eigene strafrechtliche Verfolgung zu verhindern. Doch der gemeine Italiener ist einfach zu gutgläubig und die Demokratie zwischen der Lombardei und Kalabrien deshalb nicht wehrhaft genug. Der Cavaliere hat geschworen, das italienische Volk politisch zu sensibilisieren und zu immunisieren. Sein Rezept: immer weitere Dosen der Unzumutbarkeit verabreichen und auf die bürgerliche Abwehrreaktion warten. Und so ist er dann auch verfahren: Bilanzfälschung, Meineid, Einführung verfassungswidriger Immunitätsgesetze, laufende Verfahren wegen Schmiergeldzahlungen und Steuerbetrug… Mit seinem Konzern Mediaset hat er derweil den kommerziellen Fernsehmarkt dominiert, als Premierminister hat er Einfluss auf die staatliche RAI. Deshalb kann in der italienischen Medienlandschaft nach Freedom House auch nur von „eingeschränkter Pressefreiheit“ ausgegangen werden. Seine Verbindungen zur Mafia sind von Kronzeugen belegt und zu guter Letzt hat er sich nun auch noch als machtpolitischer Sugardaddy outen lassen, der jungen Showgirls Parlamentssitze für sexuelle Gefälligkeiten zuschanzt. Kurzum: Berlusconi hat eine großartige Satire inszeniert, um die italienische Gesellschaft aus ihrem politischen Dornröschenschlaf zu erwecken. Und was macht diese? Glaubt, sie sei in eine Komödie geraten, grinst sich eins und trifft sich dann mit Freunden zum Aperitivo. Amici miei!

Viva le Veline

Doch Berlusconi wäre nicht Berlusconi, wenn er es nur auf eine politische Revitalisierung des Stiefels abgesehen hätte. Ihm geht es stattdessen um eine gesamtgesellschaftliche Reformation, deren Ziel das Ende der weiblichen Unterjochung ist. Denn schon lange ist dem braven Silvio, Vater von fünf Kindern, der Sittenverfall in der Heimat des Katholizismus und die Degradierung von Frauen zu bloßen Sexobjekten ein Dorn im Auge. Und so hat er denn eine neue Berufsart erfunden, mit welcher er den Niedergang femininen Stolzes dokumentiert: la Velina. Veline sind jene leicht bekleideten, jungen Geschöpfe, welche nach einem kurzen Gastspiel auf der Berlusconi’schen Besetzungscouch über die Bühnen unzähliger TV-Shows der Privatsender huschen. Nach den obligatorischen Nacktaufnahmen wartet dann das Eheleben mit einem italienischen Fußballer (oder eine Lebensabschnittsgefährtschaft mit George Clooney). Und um die Absurdität seines Handelns ins Surreale zu überzeichnen, hat er nicht nur einige dieser Mädchen ins italienische Parlament beordert, sondern das ehemalige Nacktmodel Mara Carfagna zur GLEICHSTELLUNGSministerin ernannt. Doch was erntet der gute Silvio für seine Divina Satira? Hohn, Spott und im besten Fall noch Kopfschütteln! Ach, Silvio, für mich bist und bleibst du ein unverstandenes Genie, das nur an der Ignoranz seines Publikums scheitert. Applauso, per favore!

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