Es gibt kein Recht auf Wirtschaftswachstum. Kieron O'Hara

Ägyptens Traum, Israels Schrecken

Mubarak fällt. Doch was dann? In Washington und Berlin regiert Zurückhaltung, in Israel Besorgnis. Denn Revolutionen folgen einem Muster. Und dies bedeutet nichts Gutes für Israel.

Ägypten marschiert. Ein Volk erhebt sich gegen seinen Diktator. Doch neben Hosni Mubarak und der Welt hält vor allem Israel den Atem an. Denn Revolutionen folgen stets demselben Muster. Und am Ende herrscht Krieg.

Revolutionäres Musterbeispiel Ägypten

Nationen sind wie Tolstois Familien: jede ist unglücklich auf ihre eigene Weise. Doch wenn das Unglück des Volkes überhandnimmt und selbiges aufbegehrt, dann schwinden die Unterschiede und klare Muster treten zutage.

Denn eine Revolution ist dann unausweichlich, wenn der Staat nicht Willens oder in der Lage ist, weder ökonomische Effektivität noch inner-gesellschaftliche Gerechtigkeit zu gewährleisten. So bilden am Nil ein Dreieck aus Inflation, Arbeitslosigkeit und Korruption die Wurzeln der Wut. Vor allem die Arbeitslosigkeit unter jungen Männern, der demografischen Kerngruppe von Umstürzen, ist am Nil exorbitant.

Die ägyptische Protestbewegung ist nicht in einem Vakuum entstanden, sondern folgte dem Sturz von Tunesiens autokratischem Herrscher Ben Ali. Dies entspricht dem zweiten Charakteristikum von Revolutionen: Sie finden stets in Wellen statt. Isolierte Revolutionen sind eher die Ausnahme denn die Regel, wie die atlantischen Revolutionen im späten 18. Jahrhundert, diverse nationalistisch-arabische Aufbegehren im Mittleren Osten und Nordafrika (1952-1979) und die antikommunistischen Umstürze in Osteuropa beweisen. Tunesien war der Anfang, Ägypten ist wahrscheinlich nicht das Ende. Wen aber trifft es im Mittleren Osten als Nächstes? Ahmadinedschad, al-Assad, oder etwa König Abdullah Al Saud?

Zu guter Letzt enden Revolutionen häufig in zwischenstaatlichen Kriegen. Denn oft nutzt ein revolutionäres Regime eine externe Eskalation dazu, seine nationale Machtposition zu festigen und das Land hinter sich zu einigen.

Es sind diese Muster, die in Washington, London und Berlin für Zurückhaltung sorgen, und in Israel Besorgnis hervorrufen.

Schreckensszenarien für Israel

Denn was passiert mit den ägyptisch-israelischen Beziehungen, wenn Mubarak abdankt? Franklin D. Roosevelt erklärte einst seine Unterstützung für den nicaraguanischen Diktator Anastasio Somoza García mit den Worten: „Somoza may be a son of a bitch, but he’s our son of a bitch.“ Das Mubarak-Regime war für Israel und den Westen vor allem zweierlei: wohlgesinnt und berechenbar. Nun droht Israel der wichtigste Verbündete im Nahen Osten abhandenzukommen.

Mehr noch: Was geschieht, wenn die muslimische Bruderschaft ein eventuelles Machtvakuum nach dem Sturz Mubaraks füllt? Gewiss, die Bruderschaft hält sich in diesen Tagen (noch) zurück und tritt als von außen kaum wahrnehmbarer Teil der Protestbewegung auf. Doch sie ist mittlerweile die stärkste und am besten organisierte Oppositionsgruppierung im Land und wird Macht beanspruchen. Droht Israel damit ein zweiter Libanon an seiner Südgrenze, in der die Sinai-Halbinsel zur Zufluchtsstätte für Hamas-Aktivisten wird?

Und was, wenn die ägyptische Revolutionswelle tatsächlich auf Saudi-Arabien übergreift und radikal-islamische Kräfte den Staat übernehmen?

Die ägyptische Revolution hält einige Schreckensszenarien bereit, die es zu bedenken gilt. Dies wird meine Bewunderung für den Mut und Freiheitswillen der jungen Ägypter aber keineswegs schmälern.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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