Es wäre inhuman, wenn Fleiß, Talent und Lebensentscheidungen keinen Unterschied mehr machten. Christian Lindner

Hosen runterlassen

Huch, wo sind denn all die Werte hin? Natürlich handelt der Westen gegenüber Ägypten nach machtpolitischen Maximen… und gegenüber China… und Afghanistan… und Afrika…

Hat Al-Qaida eigentlich einen Propagandaminister? Falls ja, dann kann der islamistische Spin Doctor im afghanisch-pakistanischen Hügelland getrost wieder Schafe hüten. Zumindest solange Al Jazeera weiterhin Bilder von mutigen Ägyptern mit der Zurückhaltung unserer Politiker kontrastiert. Denn der Westen braucht keine Hilfe, um der Welt zu zeigen: Unsere Scheinheiligkeit kennt keine Grenzen.

Wo sind all die Werte hin?

Was verteidigen wir noch mal in Afghanistan? Weshalb stellt Chinas Aufstieg eine potenzielle Bedrohung für den Weltfrieden dar? Und warum ist Hosni Mubarak dank westlicher Hilfe noch immer an der Macht? Wir können in diesem Fall auf den obligatorischen Telefonjoker (wo ist eigentlich Günther Jauch in diesem ägyptischen Schlamassel?!?) verzichten. Die Antwort lautet: weil westliche Politik zuallererst den eigenen Interessen folgt.

Daran ist nichts verwerflich. Verwerflich ist unser moralischer Hoheitsanspruch, den wir stets dann vorschieben, wenn wir Realpolitik betreiben. Denn in schöner Regelmäßigkeit ergötzen wir uns (ja, gerade du, lieber Alex!) an der Freiheitlichkeit unserer Kultur und stilisieren uns als Friedensbringer, während wir korrupte bis hochgradig kriminelle Regime unterstützen. Und Letztes trifft in Bezug auf Ägypten ebenso zu wie auf Russland, China und Afghanistan. Warum geben wir dann nicht einfach offen zu, dass wir Freiheit und Frauenrechte am Hindukusch ebenso wenig fördern wie die Demokratie am Nil?

Spieglein, Spieglein an der Wand

Als ich im vergangenen Frühjahr auf einer Konferenz dem Demokratisierungsexperten Thomas Carothers begegnet bin, meinte dieser ironisch: „Ist es nicht erstaunlich, dass uns die arabische Welt so antagonistisch gegenübersteht, nachdem wir uns 200 Jahre lang in ihre Angelegenheiten eingemischt haben?“ In jenem Maße wie sich Hosni Mubarak, dank unseres Obstruktionismus, weiterhin an seinen pseudo-pharaonischen Herrschaftsaltar klammert, werden sich noch mehr Ägypter der muslimischen Bruderschaft zuwenden, die ihnen nicht nur Brot und ein Mindestmaß an Bildung ermöglicht, sondern ihre Wut und Enttäuschung gegenüber der westlichen Welt in verheerende Bahnen lenkt.

Wir leben immer noch in dem Trugschluss, dass die Mehrzahl der Islamisten in Kairo, Kandahar, Teheran und Islamabad uns wegen der Freiheit hasst, die wir genießen. Die Mehrzahl der Ägypter beginnt uns gerade deshalb zu hassen, weil wir ihnen nicht dieselbe Freiheit gewährleisten.

Die Revolution in Ägypten zwingt uns dazu, einmal in den Spiegel und nicht in unser Dorian Gray’sches Wandporträt zu blicken. Und es gefällt uns nicht, was wir dort sehen …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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