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Der letzte Bikini-Verkäufer

Er ist der letzte Aufrechte der deutschen Politik: Norbert Lammert. Ein Plädoyer für einen Bikini-Verkäufer am FKK-Strand.

Ich gebe es zu: Norbert Lammert hat mein Herz erobert! Ich weiß. Er ist nicht glamourös. Und schon gar kein Charismatiker. Herbert Grönemeyer hat über Bochum, seine Heimatstadt geschrieben: „Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau! Liebst dich ohne Schminke; bist ’ne ehrliche Haut …“ – und irgendwie passen diese Zeilen auch auf ihn.

Vielleicht hat es Norbert Lammert deshalb nie zum Ministeramt gebracht. Und auch nicht zum Bundespräsidenten. Seit über fünf Jahren steht der 62-Jährige dafür dem Parlament vor; stellt sich immer wieder vor selbiges und beweist: Er ist einer der letzten Aufrechten der deutschen Politik.

Hüter der Parlamentssouveränität

Zum einen, weil Lammert sein Präsidentenamt und die Institution, die er vertritt, stets über parteipolitische Befindlichkeiten stellt. Der Bochumer schreckt auch nicht davor zurück, den Ministern der eigenen christlich-liberalen Koalition deutlich zu machen, dass ihre Beantwortung von Anfragen aus dem Bundestag „den Ansprüchen nicht genügt, die das Parlament an die Regierung hat“.

Als „Hüter der Parlamentssouveränität“, wehrt er sich zudem mit Händen und Füßen, dass der Bundestag zu einer reinen Abnick-Institution verkommt: „Es schadet dem Ansehen des Parlaments“, so Lammert, „wenn der Eindruck entsteht, als folgten wir vernehmlichen oder tatsächlichen Vorgaben, statt selbstständig zu urteilen und zu entscheiden.“ Und deshalb ruft er die Abgeordneten der Regierungsfraktionen schon einmal dazu auf, Widerstand zu leisten, denn schließlich habe das Parlament „jede Macht der Welt“ um sich ausreichend zu informieren und eingehend zu debattieren, anstatt unter Berufung auf terminlichen Druck jedwede Gesetze – selbst so essenzielle wie die Laufzeitverlängerung deutscher AKWs – durchzupeitschen.

Bürgernähe und Zurückhaltung

Doch vielmehr noch stellt Lammert das (vielleicht letzte?) Exemplar einer aussterbenden Spezies in der Berliner Mode-, Ereignis- und Mediendemokratie (Gunter Hofmann) dar – den hehren Politiker. Als Arnulf Baring zur Rückkehr der politischen Grandiosität in Berlin aufrief, erklärte ihm der Westfale: „Der Stil der Demokratie, wenn es ihn überhaupt gibt, zeichnet sich aus durch Attribute wie Bürgernähe, Transparenz, Sachlichkeit, Pragmatismus, Zurückhaltung, jedenfalls kann er nicht darauf gerichtet sein, Macht auf eindrucksvolle Weise sichtbar zu machen.“

Es ist eben jene Sachlichkeit, Zurückhaltung und Bürgernähe, die Lammert von seinen Berliner Kollegen unterscheidet. Er betätigt sich nicht als Ein-Mann-Propaganda-Maschine, der TV- und Medienauftritte wichtiger sind als substanzielle Politikergebnisse. Und seinen Doktortitel hat er, ganz im Gegensatz zu Ex-Minister zu Guttenberg und Noch-Ministerin Schröder in Eigenregie erworben (auch wenn das Thema sicherlich keine intellektuelle Meisterleistung erforderte).

Zudem besitzt der Vater von vier Kindern – und dies unterscheidet ihn nicht zuletzt von CSU-Chef Horst Seehofer – noch einen moralischen Kompass, der sich nicht nach der wahltaktischen Wetterlage ausrichtet. So war es denn auch Lammert, der in der Guttenberg-Affäre darauf hinwies, dass ein moralischer Fehltritt auch dann noch als solcher zu gelten hat, selbst wenn ihn der Wähler scheinbar toleriert.

Es ist dieser Wertekompass gepaart mit dem Bewusstsein, dass Politik nicht einfach ein Selbstbedienungssystem für Abgeordnete und Amtsinhaber darstellt, der den Bundestagspräsidenten nicht zuletzt die eigenen Abgeordneten rügen lässt. Denn die tummeln sich zunehmend weniger im Bundestag als in allen Ecken dieser Welt – auf Kosten des Steuerzahlers.

Bikini am FKK-Strand

Zu all dem gesellt sich bei Lammert ein intellektueller Esprit, der weniger in der persönlichen Kommunikation als in seiner publizistischen Tätigkeit zu Tage tritt. Der Beweis: Lammerts Beitrag im Jahrbuch für Kulturpolitik, überschrieben mit „Bikini-Verkäufer am FKK-Strand? Der Staat und die Erinnerungskultur“. I rest my case.

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