Der Mythos staatlicher Souveränität hilft Unternehmen, uns zu bescheißen. Thomas Piketty

Der nächste Feind steht schon bereit

Bin Ladens Tod erleichtert die Vereinigten Staaten. Doch gleichzeitig wirft er das Schlaglicht auf Amerikas nächste Herausforderung – und diese ist ebenso hausgemacht wie es der Top-Terrorist war.

Die amerikanische Freude über Osama bin Ladens Tod ist noch nicht abgeflaut, da wendet sich Washington einer ebenso offenkundigen wie heiklen Frage zu: Wie konnte sich der meistgesuchte Terrorist der Welt so lange versteckt halten? Und damit fällt das Schlaglicht auf Amerikas nächste Herausforderung: Pakistan.

Denn nirgendwo anders als in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad residierte der Al-Qaida-Führer über Jahre hinweg. Zwar lebte er scheinbar in kompletter Isolation, dennoch hält es John Brennan, Anti-Terror-Berater von US-Präsident Obama, für „unvorstellbar, dass Bin Laden kein Unterstützungssystem [in Pakistan] unterhalten hat“. Da Abbottabad nur knapp 130 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegt und zwei Infanterieregimenter sowie eine Elite-Militärakademie beheimatet, nehmen nicht nur hochrangige US-Politiker an, dass Pakistans Militär und sein Geheimdienst ISI al-Qaida und weitere Dschihadisten zumindest implizit unterstützt.

Pakistans Radikalisierung …

Dies ist keine abwegige Vermutung, eingedenk der Tatsache, dass radikale Islamisten in den vergangenen Jahren eine breite Anhängerschaft in den ärmlichen Schichten der pakistanischen Gesellschaft um sich geschart haben. Zugleich haben sie das Land mit einer Terrorwelle überzogen, mit dem das politische Regime diskreditiert und die gemäßigten beziehungsweise säkularen Teile Pakistans eingeschüchtert werden sollen. Allein im vorigen Jahr fielen der alltäglichen Gewalt circa zehnmal mehr Menschen zum Opfer, als bei den Terroranschlägen am 11. September ums Leben kamen.

Wie stark der islamistische Einfluss in Pakistan mittlerweile ist, zeigt sich am umgehenden Dementi von Präsident Asif Ali Zardari, der anfänglichen Meldungen umgehend widersprach, wonach es sich bei der Militäraktion gegen Bin Laden um eine gemeinsame, amerikanisch-pakistanische Operation gehandelt habe. Derweil wird die Tötung des Al-Qaida-Oberhaupts von religiösen Fundamentalisten ebenso wie vom früheren Militärmachthaber General Pervez Musharraf als Eingriff in die Souveränität des Landes gebrandmarkt.

Und so vergrößert der amerikanische Triumph nur Pakistans Wehen, die Auswuchs eines generellen Problems der Vereinigten Staaten sind.

… ein amerikanisches Problem

Die kontinuierlichen Bombardements durch amerikanische Drohnen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet und Vorfälle wie die Ermordung zweier Pakistani durch einen CIA-Agenten haben in den vergangenen Jahren pakistanische Fundamentalisten zusätzlich gestärkt. Denn sie untermauern das Argument, dass die Regierung in Islamabad in erster Linie den Vereinigten Staaten und erst in zweiter Linie dem eigenen Volk diene.

Doch der eigentliche Problemkern liegt tiefer: Die USA schaffen sich durch ihre Unterstützung undemokratischer Regime ihre Feinde selbst. In Zeiten des Kalten Krieges mag es verständlich und vielleicht sogar notwendig gewesen sein, autokratische Diktatoren an sich zu binden, welche ihre Bevölkerung schröpfen. Doch Amerika erlebt zusehends die versteckten Kosten einer solchen Doktrin.

Denn im Nahen und Mittleren Osten hat eben diese Politik zum Erstarken radikal-islamischer Bewegungen geführt, die ihre Legitimation aus dem Kampf gegen kleptokratische Herrscher ziehen: Iran, Ägypten, Jemen und eben zusehends Pakistan.

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