Ehrlichkeit a.D.

Mark T. Fliegauf18.05.2011Außenpolitik, Innenpolitik

Plagiate, Possen, Preisrückgaben. Und die Frage: Hat Ehrlichkeit als Tugend ausgedient?

Transparente Intransparenz – damit beglückt uns “Jorgo Chatzimarkakis(Link)”:http://www.chatzi.de/. Denn der FDP-Abgeordnete im Europaparlament hat auf seiner Homepage transparent gemacht, dass Zitate in seiner Dissertation bisweilen dem gegenteiligen Kriterium unterliegen, weil sie „im Fließtext, nicht eingerückt und ohne Anführungszeichen, ausgewiesen durch Fußnote“ eingefügt wurden. Sprich: Plagiat – wenngleich der minder schweren Sorte. Zumindest darf sich Herr Chatzimarkakis der Ehrlichkeit bezüglich seiner Unehrlichkeit rühmen. Selbiges können “Karl-Theodor zu Guttenberg(Link)”:http://www.theeuropean.de/mark-t-fliegauf/5797-causa-guttenberg, Stoiber-Tochter “Veronica Saß(Link)”:http://www.focus.de/politik/deutschland/aberkennung-des-doktorgrads-stoiber-tochter-will-klagen_aid_626392.html und “Silvana Koch-Mehrin(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,762028,00.html* nicht für sich in Anspruch nehmen. Dabei ist die Außer-Dienst-Setzung der Ehrlichkeit kein genuines Phänomen des Politischen und so muss die Frage erlaubt sein: Dürfen wir Journalisten Politikern wirklich den Ehrlichkeitsspiegel vorhalten?

Ehrlichkeit oder Auflage?

Es wäre nun einfach, auf René Pfisters “Nannen-Preis-Fiasko(Link)”:http://www.tagesspiegel.de/medien/vage-kriterien/4177094.html zu verweisen. Natürlich hat dessen Beitrag etwas Unehrliches. Aber CSU-Chef “Horst Seehofer(Link)”:http://www.sueddeutsche.de/a5238m/4088840/Das-Richtige-falsch-geahndet.html hat insofern recht, als dass zumindest „die Informationen … richtig [sind]. Ich kann nicht sagen, dass Pfister Unwahrheiten geschrieben hat.“ Dies trifft nicht auf alle journalistischen KollegInnen zu. Und leider müssen wir uns hierbei gleich selbst an die Nase fassen. Es ist durchaus verständlich, wenn die Kollegin “Heather De Lisle(Link)”:http://www.theeuropean.de/heather-de-lisle/6461-obama-bei-facebook den „unaufhaltsamen“ Anstieg der US-Arbeitslosenzahlen geißelt – eignet sich diese vermeintliche Tatsache doch wunderbar als Ausgangspunkt zum Obama-Bashing. Mit der Realität, das zeigen die Daten des amerikanischen Bureau of Labor Statistics, hat dies allerdings wenig zu tun (“siehe Grafik(Link)”:http://www.tradingeconomics.com/united-states/unemployment-rate). So mag denn Ehrlichkeit durchaus am längsten währen. Wo jedoch einzig die Auflage von morgen und das Setzen persönlicher Duftmarken im Heute zählen, muss sie fast notwendigerweise auf der Strecke bleiben.

Systematische Unaufrichtigkeit

Zumal wir mittlerweile von Kindesbeinen an zu nahezu uneingeschränktem Ehrgeiz erzogen werden, um den Anforderungen einer immer kompetitiver werdenden Markt- und Wettbewerbsgesellschaft zu genügen. Immer höher, immer schneller, immer weiter müssen und wollen wir kommen. Kaum ein Stipendium für das wir nicht schon fast zu alt sind. Kaum eine offene Stelle, für die wir qualifiziert und erfahren genug wären. Es ist am Schnittpunkt zwischen systematisch induziertem Ehrgeiz und Anforderungsüberflutung, an dem wir die moralische Hemmschwelle der Ehrlichkeit nur allzu oft (und allzu leicht) überspringen. Denn Levitikus 19:11 mag auf der heimischen Couch wunderbar inspirierend wirken. Im alltäglichen Wettkampf um den entscheidenden Vorsprung, ist er schnell wieder ins Hinterzimmer unseres Gewissens verbannt. Sie können mir glauben, dass ich weiß, wovon ich spreche. Glücklicherweise war mein persönlicher Unehrlichkeitssturz weit weniger tief (und öffentlich) als Guttenbergs, Pfisters oder Koch-Mehrins und deshalb mehr Hilfe als Hemmnis. Die Frage jedoch bleibt davon unberührt: Wie viele solcher großen und kleinen Stürze sind wir bereit hinzunehmen, bevor wir das System hinterfragen? *: Hier kommt die “UnschuldsVERmutung(Link)”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/6706-der-fall-dominique-strauss-kahn einer UnschuldsZUmutung gleich.

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