In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Jean Ziegler

Mafioso in drei Streifen

Die FIFA als kriminelle Vereinigung. Und an der Spitze der Familie: Joseph Blatter, der Mafioso mit drei Streifen.

Es war ein Dienstag im März 2007. Ich war gerade in den Vereinigten Staaten angekommen. Und machte mich auf zur Apartmentsuche in Bostons „Little Italy“, dem North End. Nach vier Stunden landete ich in einer Bar. Im hinteren Teil saßen fünf gutbeleibte Mitdreißiger um einen Tisch und unterhielten sich angeregt – bis ich dazustieß. Ich fragte die mich musternde Runde, ob denn Tony anwesend sei. Tony nickte. In der nächsten Minute, die sich ob ihres Surrealismus förmlich in mein Gedächtnis gebrannt hat, entspann sich dann folgender Dialog:

Ich: „Ich suche eine Unterkunft im North End.“
Tonys Nebenmann (in Richtung Tony): „Er sucht ein Apartment hier im Viertel.“
Tony: (nickt)
Ich: „Ich habe gehört, Sie hätten eventuell ein Apartment frei.“
Nebenmann: „Er hat gehört, du hättest eventuell ein Apartment für ihn.“
Tony: (Schulterzucken)
Nebenmann: „Wie viel?“
Ich: „500 Dollar pro Monat.“
Nebenmann: „500 Dollar pro Monat.“
Tony: (Kopfschütteln)
Nebenmann: „Er hat keines. Arrivederci.“

Das also war bislang meine erste und einzige Erfahrung mit dem Mob, der Mafia. Wie komme ich gerade jetzt darauf? Richtig, dank Joseph Blatter.

Don Blatter

Denn im Gegensatz zu Tony hat der 75-jährige FIFA-Präsident das Reden noch nicht ganz eingestellt (auch wenn er sich dieser Tage merklich wortkarg gibt). Ansonsten trennt die beiden nicht mehr allzu viel, offenbart doch der Weltfußballverband mittlerweile täglich, welch mafiöse Strukturen ihm unterliegen.

Denn am Sonntag leitete die FIFA-Ethikkommission ein Verfahren gegen den Katari Mohamed bin Hammam und CONCACAF-Boss Jack Warner ein. Grund: Bin Hammam soll via Warner zahlreichen Vertretern diskrete braune Umschläge übermittelt haben. Ziel: Stimmen, die die WM-Vergabe an Katar im Jahr 2022 „kaufen“. Inhalt der Umschläge: sauber gebündelte Hundert-Dollar-Noten im jeweiligen Gesamtwert von 25.000.

Nun ist die Braun-Brief-Kommunikation nicht wirklich ungewöhnlich für den Mob. So auch bei der FIFA. Denn obwohl der Verband noch zu Jahresbeginn jegliche Vorwürfe, unter anderem von Uli Hoeneß, abwies, wissen Eingeweihte schon lange: beim eingetragenen Verein in Zürich dreht sich alles in erster Linie um die eigene Bereicherung und erst in zweiter Linie um den Fußball. Wobei am Ende der monetären Nahrungskette immer einer sitzt: Joseph Blatter.

Das System des Schweizers funktioniert ganz einfach: divide et impera. Gib jedem Exekutivmitglied die Möglichkeit zur eigenen Vorteilsnahme und sichere dir so seine Gefolgschaft. Und wenn dann doch einer der Abhängigen, wie eben nun Bin Hammam, aufbegehrt und die Familie selbst anführen will, dann hetze ihm die hauseigene Ethik-Kommission auf den Hals und mime Pontius Pilatus.

Getragen von drei Streifen

Kein Wunder, dass umgehend nach Bin Hammams Ausstieg aus dem Präsidentenrennen die von der FIFA anberaumte Belastungspressekonferenz gegen ihn ausfiel. Und überhaupt, befindet sich die FIFA gar nicht in der Krise, sondern „ha[t] lediglich [einige] Schwierigkeiten“. Findet zumindest Don Blatter und fügt in echter Paten-Manier an: „Und diese Schwierigkeiten werden wir lösen. In unserer Familie.“ Gerüchten zufolge sollen in Zürich bereits Fisch- und Zeitungsbestände knapp werden – ein Schelm, wer einen Zusammenhang vermutet …

Doch zurück zur Blatter’schen la Famiglia. Denn trotz aller internen Verschlossenheit, sind Gäste jederzeit willkommen – solange sie die nötigen finanziellen Mittel mitbringen, um das Korruptionssystem aufrechtzuerhalten. Dazu gehört allen voran das deutsche Vorzeigeunternehmen Adidas, haben die Herzogenauracher doch bis zur WM 2014 eine Kooperationsvereinbarung mit dem Weltfußballverband, welche insgesamt mehr als 200 Millionen Euro in Blatters Familiengeldbeutel gespült hat. Und den Schweizer zu mehr gemacht hat als einem einfachen Clan-Chef: zu einem Mafioso mit drei Streifen.

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von Eberhard Lauth
04.06.2011
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