Deutsch-Amerikanische Scheinehe

von Mark T. Fliegauf8.06.2011Außenpolitik, Innenpolitik

Glamour, Charme, Süßholzraspeln – Angela Merkel und Barack Obama durchleben einen zweiten Frühling. Während die deutsch-amerikanischen Beziehungen zusehends einer Scheinehe gleichen …

Die Washington-Reise Angela Merkels kann mit einem positiven Fazit aufwarten: denn die Kanzlerin und Barack Obama durchleben einen zweiten Frühling. Leider gilt dies nur für ihre “zwischenmenschlichen Beziehungen”:http://www.fr-online.de/politik/was-das-protokoll-hergibt/-/1472596/8533382/-/index.html. Politisch kommt das deutsch-amerikanische Verhältnis daher wie so manche Ehe nach der Goldenen Hochzeit: beide Partner haben sich “nicht mehr viel zu sagen”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767249,00.html. Darüber können die vertrauten Blicke und intensiven Gespräche der beiden Regierungschefs ebenso wenig wie die Charmeoffensive Obamas hinwegtäuschen. Mit dem Ende des Kalten Krieges ist nicht die Liebe, doch aber die Leidenschaft aus den transatlantischen Beziehungen entfleucht. Es fehlt einfach an gemeinsamen Erlebniswelten. Daran haben auch die Terrorangriffe des 11. September nur kurzfristig etwas ändern können.

Zweckbündnis und Liebesheirat

War die deutsch-amerikanische Eheschließung zunächst keine reine Liebesheirat, hat sie sich doch im Laufe des Ost-West-Konfliktes dazu verwandelt. Zu bedrohlich der böse Nachbar, zu schön das Gefühl für die anschmiegsame Bundesrepublik, in den starken Armen des amerikanischen Verteidigers zu ruhen. Und dann galt es ja noch den gemeinsamen Nachwuchs aus Demokratie, freien Märkten und internationalem Handel gemeinsam großzuziehen. Mittlerweile ist der Nachbar weg und hat anscheinend auch die Schmetterlinge mitgenommen. Nicht, dass die Vereinigten Staaten nicht immer noch ein “potenter und fürsorglicher Liebhaber”:http://nationalinterest.org/article/whos-afraid-of-mr-big-1201 wären. Und dennoch haben wir in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur erfahren, was uns weiterhin verbindet, sondern auch zunehmend, was uns trennt: die Rolle von Gewalt in der internationalen Politik ebenso wie Fragen der (sozialen und justizialen) Gerechtigkeit.

Zweckbündnis ohne Zweck?

Die Leidenschaft ist also abgeflaut und wartet darauf, neu entfacht zu werden. Doch wie, wenn sich beide Partner, nun da die Kinder aus dem Haus (und in den BRIC-Staaten angekommen) sind, erst sich jeweils selbst und dann den neuen und “bald schon dominanten Märkten in Fernost”:http://www.huffingtonpost.com/2011/05/19/us-dollar-dominance-world-bank-currency_n_863248.html zuwenden? Und wie soll es weitergehen, wenn China und Indien den Weltpolizisten USA mittelfristig in den Ruhestand schicken? Dabei müssen weder die Bundesrepublik noch die Vereinigten Staaten ein Retired-Husband-Syndrom fürchten. Doch statt glamouröser Zeremonien, wäre eine Paartherapie angebrachter. Denn beide Seiten müssen ihr Verhältnis auf eine neue ideelle Grundlage stellen, um es wieder zu beleben. Welches Verständnis von Freiheit eint uns? Und wie lässt sich dies mit globaler Gerechtigkeit jenseits des Marktes verbinden? Deutschland und die USA müssen ihre Beziehungen neu formulieren und mit einer verbindenden Leitidee unterfüttern. Dazu bedarf es eines offenen Dialoges anstatt gepflegten Süßholzraspelns. Denn ein Zweckbündnis, dem der Zweck abhandengekommen ist, kann man zwangsläufig nur als Scheinehe auffassen.

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