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Bin ich wirklich schon alt?

Es ist passiert. Unser Kolumnist wurde zum ersten Male alt getauft und damit in die Sinnkrise geworfen: Ist ein Jung-Dreißiger wirklich schon alt?

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Es kam ganz schleichend. Mit Haaren in der Dusche. Täglich ein wenig mehr. Und jetzt hat es in Gänze zugeschlagen: das Alter. Nach dem Rudertraining auf der Isis. Plötzlich fragte mich mein Crewmitglied Jonathan: „Mark, wie alt bist du eigentlich?“ In (post-)jugendlichem Leichtsinn habe ich geantwortet: „Ich bin alt.“ Jonathans Replik: „Ja. Du siehst auch alt aus.“ Das hat gesessen.

Erst habe ich die natürliche Reaktion gewählt: Verdrängen. Doch irgendwie treibt sie mich um, die Frage nach dem Alter. Gerade jetzt, da meine Mitbewohnerin verzweifelt auf den Antrag wartet. Immerhin, sagt sie, sei sie schon siebenundzwanzig. Da wird es Zeit. Ich bin Anfang dreißig. Und damit wirklich schon alt?

Bin ich wirklich schon alt?

Denn irgendwie fühle ich mich gar nicht so! Gut, schlafen hat über die Jahre einen ganz neuen Stellenwert erhalten. Wo sich früher Tage an Nächte und Nächte an Tage gereiht haben, brauche ich jetzt zumindest sechs Stunden Bettruhe. Andernfalls wandele ich als Totalausfall durch die Welt – Übelkeit und Bauchschmerzen inklusive. Dafür mache ich mehr Sport als jemals zuvor, reiße 30-40 Kilometer pro Woche auf dem Laufband herunter und fühle mich so fit wie seit meinen frühen Zwanzigern nicht mehr.

Ich kleide mich immer noch am liebsten mit meinem „Standardanzug“: Gerippte Jeans, T-Shirt und Converse. Nur Fotos lasse ich nicht mehr gerne von mir machen. Denn da sehe ich es dann wieder vor mir, das Alter. Kanye West mag immer noch die Scorpions trumpfen, die Stehtribüne an der Alten Försterei den Stuttgarter Weißenhof und Wildwasserrafting den ClubMed auf Rhodos. Und dennoch führt kein Weg daran vorbei: Ich bin in die Jahre gekommen.

Altersgemäßes Verhalten …

Und weil dem so ist, stellt sich schon die nächste Frage ein: Welches Verhalten entspricht eigentlich meinem Alter? Muss ich jetzt allsamstagabendlich zu einer Soirée nach Charlottenburg oder darf ich noch auf einen Pimm’s in die Pony Bar (und einen anschließenden Absacker ins Altberlin)? Kann ich unser Haus noch mit meinen Mitbewohnern teilen, oder sollte ich diese längst durch Kinder ersetzt haben? Und soll ich die 80er-Elektro-Hymnen langsam durch Brahm’sche Sinfonien auf meinem iPod ablösen?

Ich weiß es nicht. Dabei graut es mich gar nicht so sehr vor dem Älterwerden, sondern vor den Stereotypen, die mit ihm kommen. Doch auf der anderen Seite will ich noch weniger einer jener Alten werden, die noch mit Sechzig Turnschuhe zum Anzug tragen und dabei eine Zwanzigjährige im Arm halten, weil sie dem Ideal entsprechen wollen, das ihnen aus jedem Schaufenster, aus jedem Magazin und von jeder Leinwand entgegenspringt: der ewigen Jugendlichkeit.

So suche ich also meinen Platz in einer Gesellschaft, die stetig altert, obwohl genau das verpönt zu sein scheint. Und raufe mir dabei die Haare. Zumindest diejenigen, die noch da sind …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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