„Wir wollen, was unser Körper will“

von Mark Ryder31.07.2012Gesellschaft & Kultur

Vetternwirtschaft und ein besonderer Draht zu Gott: Die Borgia gehören zu den faszinierendsten Familien in der Geschichte. Alexander Görlach sprach mit Mark Ryder, der in der ZDF-Reihe Borgia den Cesare spielt, ĂŒber dessen vielschichtige Rolle, Atheismus und die katholische Kirche.

*The European: In der Fernsehserie „Borgia“ spielen Sie Cesare Borgia, den unehelichen Sohn Rodrigo Borgias, dem spĂ€teren Papst Alexander VI. Die widersprĂŒchliche Persönlichkeit Cesares ist sehr interessant. Wenn die GerĂŒchte stimmen, wird er die zentrale Figur der zweiten Staffel sein.*
Ryder: Der Charakter wird sich in der zweiten Staffel sehr verĂ€ndern. In der ersten Staffel ist er ĂŒberhaupt nicht so, wie ihn sich die Leute fĂŒr gewöhnlich vorstellen: Cesare ist jung und versucht herauszufinden, wer er sein möchte. In der zweiten Staffel geht er auf eine Art Reise: Er wird Krieger und Feldherr, so wie Machiavellis „FĂŒrst“. Das passt auch viel besser zum historischen Cesare.

„Cesares Ungereimtheiten sind Teil unseres Lebens“

*The European: All die Konflikte, die in der zweiten Staffel erzÀhlt werden, wurden in der ersten Staffel entweder erklÀrt oder behandelt. Der interessanteste Aspekt ist jedoch Cesares Kampf mit sich selbst: Bruder, Krieger, Mann des Klerus. Wie haben Sie sich diesem vielfÀltigen Charakter genÀhert?*
Ryder: Ich erinnere mich daran, als ich erste Teile des Skripts las – ich war ĂŒberhaupt nicht in der Lage, diesen Typen zu verstehen! In einem Moment ist er sehr bestĂŒrzt und gleich im nĂ€chsten wĂŒtend und aggressiv. Innerhalb einer Szene verĂ€ndert er sich ganz stark. Wie sollte ich diesen Charakter nur glaubhaft darstellen? Dann habe ich verstanden, dass Cesares Ungereimtheiten auch Teil unseres Lebens sind. Sie sind jeden Tag sichtbar. Ich wollte ja auch lieber mein eigenes Ding machen, als auf meine Eltern zu hören. Bei Cesare ist das offensichtlich extremer: Erst geht er komplett in der Religion auf und dann plötzlich ĂŒbermannen ihn seine GefĂŒhle und er tötet jemanden.

*The European: Heutzutage behaupten Mitarbeiter von Goldman Sachs, sie wĂŒrden Gottes Willen erfĂŒllen. In „Borgia“ gibt es eine Szene, wo Cesares Vater, Alexander VI., von seinen Kindern gebeten wird, weitere Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Er erwidert: „Was fĂŒr einen Glauben hĂ€tte ich, wenn ich von Kriegern umgeben wĂ€re?“ Ist das Verhalten der Kinder ein Anzeichen fĂŒr aufkommenden Atheismus? Sie haben offenbar kein Vertrauen mehr in diese höhere Macht, welche frĂŒher einmal Teil des politischen VerstĂ€ndnisses war.*
Ryder: Ich denke schon, dass Cesare und seine Geschwister sich wĂŒnschen, einer höheren Macht vertrauen zu können. Letztlich kommt Cesare aber zu dem Schluss, dass man nicht nur von Gott abhĂ€ngig sein kann, sondern dass man seine Waffen nehmen und selber etwas unternehmen muss. Ich denke, es ist weniger der Beginn des Atheismus. Cesares militĂ€risches Geschick hat ihn so stark gemacht. Sein Ansatz war neu und das war es, was ihn so erfolgreich gemacht hat.

*The European: In einer anderen Szene sagt Cesare, dass er sich mehr mit Julius Caesar als mit Jesus beschÀftigt habe und dass es auf dem Schlachtfeld keine Götter gebe. Macht ihn das nicht zu einer der ersten Personen, die uns den Atheismus nÀherbringt?*
Ryder: Er legte seine KardinalswĂŒrde nieder und ich denke, dass er all seinen Glauben an Gott verloren hat. In diesem Sinne hat er also tatsĂ€chlich eine Art Bewegung gegen die Religion begonnen. Damals war ja alles von der katholischen Kirche dominiert.

*The European: Konnte jemand in dieser Zeit wirklich den Gedanken aufgeben, dass Gott existiert?*
Ryder: Cesare ist das perfekte Beispiel. Er hat Gott mehrere Male erfolglos um Hilfe angefleht und dadurch das GefĂŒhl, Gott habe ihn aufgegeben. Er merkt dann, dass die Dinge beginnen, besser zu laufen, wenn er aus eigener Kraft etwas tut. Der Schluss, zu dem Cesare dadurch kam, ist der: Laufen die Dinge ohne Gottes Hilfe gut, ist man ohne Gott vielleicht besser dran. Also ja, es war absolut möglich, sich zu jener Zeit von Gott abzuwenden.

*The European: Cesare befindet sich im Konflikt mit seinem Vater und seinem Bruder. Er hat einen guten Freund – den er fast umbringt. Cesare scheint sehr einsam zu sein und in einem stĂ€ndigen Kampf mit allen Leuten um ihn herum.*
Ryder: Er trifft Entscheidungen, von denen man sich wĂŒnschen wĂŒrde, dass er sie nicht trĂ€fe. Er ist nicht in der Lage, zu sehen, dass andere ihm helfen. Cesare hat eine impulsive Seite, die ihn manchmal einfach mitreißt. In diesem speziellen Moment, in dem er seinen besten Freund töten wollte, war er ĂŒberwĂ€ltigt von Ärger und Schmerz. Ich glaube, dass er einsam ist. Ich glaube aber auch, dass die Leute, die ihn lieben sollten, es oft nicht tun und Cesare deshalb nicht das bekommt, was er verdient.

*The European: Rodrigo Borgia und sein Sohn Cesare litten beide an Syphilis, aber nur Cesare hat sie ĂŒberlebt. Am Ende ihres Lebens war die Entfremdung der beiden so groß, dass keiner den Namen des anderen in den Mund nahm – dabei war Cesare ein treuer Sohn. Warum bevorzugt der Vater seinen Ă€lteren Sohn Juan so sehr? Schließlich haben Cesare und Juan dieselbe Mutter.*
Ryder: Ich denke, Rodrigo begreift allmĂ€hlich, dass Juan ein Idiot ist, aber er ist bereit, das zu ignorieren. Er hat entschieden, dass Juan das Oberhaupt der Familie wird, sobald er, Rodrigo, nicht mehr da ist. Selbst nachdem Juan bewiesen hat, dass er kein treuer Sohn ist, begreift Rodrigo nicht, wie viel talentierter und fĂ€higer sein jĂŒngerer Sohn Cesare ist. Ich weiß allerdings nicht, warum.

„Ich sehe die Korruption der Religion“

*The European: Lassen Sie uns zu den AnfĂ€ngen des Atheismus zurĂŒckkehren. Als die Reformation begann, fing das ganze mittelalterliche GebĂ€ude an zu bröckeln. Hatten Sie bei Ihrer Darstellung Cesares auch dieses GefĂŒhl? Immerhin hat Cesare Machiavelli getroffen, einen der Vordenker dieses Anbruchs der Neuzeit. Diesem hat Cesare als Inspiration fĂŒr seinen „FĂŒrsten“ gedient. Was ist die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit?*
Ryder: Wenn ich an diese Zeit denke, sehe ich die Korruption der Religion. Auf der einen Seite gibt es die Bibel, die Kirche und Millionen von Menschen, die versuchen, die Regeln dieser Religion nach bestem Wissen und Gewissen zu befolgen. Auf der anderen Seite gibt es den Mann, der Gott am nĂ€chsten steht – und dieser ist nur gierig und egoistisch. Ich frage mich, ob Rodrigo Borgia wirklich an Gott geglaubt hat und ich frage mich wirklich, wie er und andere damit davongekommen sind. Es ist wie mit einem Premierminister oder PrĂ€sidenten, der völlig dekadent ist und sein Land ruiniert, so wie Berlusconi.

Es ist mir ein RÀtsel, dass die heutige Kirche den Papst immer noch so sehr wertschÀtzt. Das ist genau das, was sie schon vor 500 Jahren gemacht hat. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen das heute noch tun können, obwohl sie wissen, was in der Vergangenheit geschehen ist.

*The European: In Europa ist die Idee, dass Gott stĂ€ndig prĂ€sent ist, komplett verschwunden. Im Gegensatz zur muslimischen Welt, wo die Abwesenheit von Gott noch immer unvorstellbar ist. Er ist die Garantie fĂŒr das gesamte Wohlergehen.*
Ryder: Bevor wir mit den Dreharbeiten zu „Borgia“ begannen, saß ich mit einem Freund aus Oxford zusammen. Er sagte: „Mark, Religion war damals alles. Sie hat das gesamte Leben bestimmt.“ Meinem Erachten nach haben viele Bauern versucht, so zu leben wie Pius, ein gutes Leben zu fĂŒhren. Aber an der Spitze gab es reiche Leute, die sich um all das nicht geschert haben. Offensichtlich war ihr Verhalten auch nicht wichtig. Man könnte sagen, dass die Menschen nicht unbedingt an Gott glaubten, aber dass die Religion ihr Weg war, um die Welt zu verstehen. Ich glaube, dass es das auch heute noch gibt: Religion ist eine ErklĂ€rung fĂŒr das Leben, sie ist der Grund fĂŒr das Leben.

*The European: Cesare ist ein gutes Beispiel dafĂŒr, dass Menschen nicht entweder „gut“ oder „böse“ sind, sondern dass es in der Tat einen stĂ€ndigen Kampf zwischen Gut und Böse in uns gibt. FĂŒr manche Leute – wie Cesare – gilt das mehr als fĂŒr andere.*
Ryder: Das sind die zwei Seiten in jedem von uns. Wir wollen, was unser Körper will – Sex und Geld zum Beispiel. Und wir wollen es sofort. Wir haben aber auch eine rationale Seite, die uns sagt, unsere NĂ€chsten zu lieben. Es gibt also einen Konflikt. Und bei Cesare ist dieser Konflikt sehr stark.

„Eigentlich mĂŒsste man Nelson Mandela applaudieren“

*The European: In einer Szene spuckt Cesare dem Sohn einer anderen römischen Familie ins Gesicht. Diese Geste wird auch heute noch verstanden, jeder weiß, was damit gemeint ist. Einige archaische Verhaltensweisen bleiben uns offenbar erhalten. Wenn Sie ein Kreuz in den Staub werfen, ist das immer noch blasphemisch. Wird die menschliche Natur immer noch vom Kampf dieser Motive beherrscht?*
Ryder: Wenn jemand an die Macht kommt, verfĂŒgt er ĂŒber AutoritĂ€t. Die VerfĂŒgbarkeit von Macht kann einen absolut korrumpieren, das sieht man bei Rodrigo Borgia. Deshalb mĂŒsste man jemandem wie Nelson Mandela eigentlich applaudieren: Als PrĂ€sident seines Landes verfĂŒgte er ĂŒber Macht und hĂ€tte damit machen können, was er will. Er hĂ€tte wie Rodrigo Borgia oder Robert Mugabe sein können. Mandela aber war ein guter Mann und hat unermĂŒdlich fĂŒr sein Land gekĂ€mpft. Man muss zu einem ganz speziellen Typ Mensch gehören, um sich nicht von Macht korrumpieren zu lassen. Die Geschichte ist voll von Menschen, die zu Macht kommen und diese dann missbrauchen. Das hat man bei den Borgia gesehen, das sieht man noch heute. Mir ist nicht klar, wieso die Borgia keine SchuldgefĂŒhle haben. Cesare kann sich von seiner Schuld lösen und einfach mit seinem Weg weitermachen.

*The European: Es ist eine egoistische Form von Schuld: Er braucht sie als Antrieb fĂŒr sein weiteres Leben.*
Ryder: Cesare sagt in der Serie: „Ich habe zwei Seiten in meiner Seele. Eine ist ein Biest und die andere ein Erzengel.“ Das Biest gewinnt öfter, also muss er mit ihm kĂ€mpfen. Die Schuld, die er fĂŒhlt, ist ein Resultat dessen. Ich glaube, er weiß, dass er etwas Besonderes ist und eine Menge Potenzial besitzt. Vielleicht lĂ€hmt ihn das zu Beginn, und im Laufe seines Reifeprozesses wird es zu einer brauchbaren Waffe.

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